Drucksache Nr. 1650/2018:
Andersraum e.V. - Jugendarbeit mit Schwerpunkt sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität für Jugendliche (LSBT*IQ)
Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe nach § 75 KJHG

Inhalt der Drucksache:

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1650/2018
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Andersraum e.V. - Jugendarbeit mit Schwerpunkt sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität für Jugendliche (LSBT*IQ)
Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe nach § 75 KJHG

Antrag,

zu beschließen, den Andersraum e.V. als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 KJHG anzuerkennen.

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts sowie deren Eltern erhalten in der Beratungsstelle Unterstützungsangebote.

Kostentabelle

Es entstehen keine finanziellen Auswirkungen.

Begründung des Antrages

Der Andersraum e.V. - Jugendarbeit mit Schwerpunkt sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität für Jugendliche (LSBT*IQ) hat am 31.05.2018 beantragt, als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 Abs. 1, Satz 1-4 und Abs. 2 SGB VIII anerkannt zu werden.
Eine Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist möglich, wenn die Arbeit des Vereins zur Erfüllung von Aufgaben der Jugendhilfe beiträgt.
(1) Als Träger der freien Jugendhilfe können juristische Personen und Personenvereinigungen anerkannt werden, wenn sie
1. auf dem Gebiet der Jugendhilfe im Sinne des § 1 SGB VIII tätig sind,
2. gemeinnützige Ziele verfolgen,
3. auf Grund der fachlichen Voraussetzungen erwarten lassen, dass sie einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Erfüllung der Aufgaben der Jugendhilfe zu leisten imstande sind, und
4. die Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten.



(2) Einen Anspruch auf Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe hat unter den
Voraussetzungen des Absatzes 1, wer auf dem Gebiet der Jugendhilfe mindestens
drei Jahre tätig gewesen ist.

Der Andersraum e.V. ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Hannovers Nordstadt (Satzung siehe Anlage, weitere Unterlagen zur Anerkennung der Gemeinnützigkeit und den Eintrag des Vereins in das Vereinsregister liegen der Verwaltung vor). Er ist das Zentrum für lesbisches, schwules, bisexuelles, transidentes, intersexuelles und allgemein queeres Leben in Hannover und bietet seit März 2012 ein Dach für rund 30 Gruppen, die sich in den Räumen treffen. Neben der Beratung sind die wichtigsten Projekte der Christopher-Street-Day (CSD) Hannover, die Niedersächsische Vernetzungsstelle für die Belange queerer Geflüchteter, Jugendarbeit und das Queere Gesundheitsnetz. Außerdem finden zahlreiche öffentliche Veranstaltungen, wie Filmabende, Workshops und Vorträge im Andersraum statt. Aktuell werden Gruppenangebote, Ferienfreizeiten und offene Angebote vom Andersraum e.V. vorgehalten.

Die Situation der LSBT*IQ-Jugendlichen bedarf einer fachlich versierten und fundierten Begleitung und Unterstützung. Diese finden junge Menschen beim Träger Andersraum e.V.
Zwischen fünf und zehn Prozent aller Menschen sind nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung schwul, lesbisch, bi oder trans*. Statistisch gesehen sind das ein oder zwei Jugendliche in jeder Schulklasse. Das Deutsche Jugendinstitut veröffentlichte im Herbst 2015 erstmals eine bundesweite Studie zur Lebenssituation von LSBT*IQ Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Darin gaben acht von zehn befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, auf Grund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Diskriminierung erfahren zu haben. 61 Prozent der Befragten gaben an, sich vor einem Coming-Out im schulischen oder beruflichen Kontext zu fürchten.

Ein Coming-Out während der Schulzeit vermeiden die meisten Menschen aus Angst vor Ausgrenzung und Mobbing. Unverständnis, Ausgrenzung und sogar Gewalt sind Erfahrungen, von denen die meisten LSBT*IQ Jugendlichen berichten. Angesichts eines solchen gesellschaftlichen Klimas haben (Schutz-)Räume für LSBT*IQ Jugendliche eine besondere Bedeutung. Gerade weil die Kinder und Jugendlichen an vielen anderen für die Altersgruppe wichtigen Orten wie Schule, Sportverein, Musikgruppe etc. Diskriminierung erfahren, finden sie im Andersraum e.V. einen Ort, an dem sie nicht wegen ihrer queeren Identität diskriminiert werden. Nicht selten reagieren die Betroffenen durch autoagressive Verhaltensweisen bis hin zu Suizidgedanken, weil sie mit dem Druck nicht anders umgehen können. Sobald sie jedoch Zugang zu Beratung und eine Möglichkeit zum Austausch mit der peer group in einem geschützten Umfeld haben, ändert sich nicht nur ihr Blick auf sich selbst, auch die Schule und Ausbildung können wieder mit Kraft und oft gesteigertem Ehrgeiz angegangen werden. Zukünftig geplant ist ein Umzug in neue Räumlichkeiten um die Angebotspalette im Rahmen der Jugendarbeit noch weiter auszubauen und zu erweitern.

Stellungnahme der Verwaltung
Die durch den Andersraum e.V. wahrgenommenen Aufgaben fördern das Anliegen der Jugendhilfe von Förderung der Erziehung in der Familie, nach geschlechtsspezifischer Entwicklung und geschlechtsdifferenzierenden Angebotsstrukturen, sowie nach einer Entwicklung zu eigenverantwortlicher und gemeinschaftsfähiger Persönlichkeit.





Durch die konzeptionell fundierte, langjährige inhaltlich sehr gut ausgeführte und entwickelte Tätigkeit des Andersraum e.V. wurde deutlich, dass die Voraussetzungen eines freien
Trägers der Jugendhilfe in jeglicher Hinsicht erfüllt sind.
Es wird daher empfohlen, dem Arbeitsbereich des Vereins Andersraum e.V. Jugendarbeit mit Schwerpunkt sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität (LSBT*IQ) die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe zu gewähren.


51.5 
Hannover / 30.07.2018