Informationsdrucksache Nr. 0349/2016:
"Mein Hannover 2030 - Mädchen in der Stadt"

Inhalt der Drucksache:

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Landeshauptstadt HannoverInformationsdrucksacheInformationsdrucksache
In die Kommission für Kinder- und Jugendhilfeplanung
In den Gleichstellungsausschuss
In den Jugendhilfeausschuss
An die Stadtbezirksräte 01 - 13 (zur Kenntnis)
 
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0349/2016
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"Mein Hannover 2030 - Mädchen in der Stadt"

Die Kooperationspartnerinnen

Im Rahmen des Stadtentwicklungskonzeptes „Mein Hannover 2030“ haben sich für das Projekt „Mädchen in der Stadt“ Kolleginnen aus der Unter-AG Mädchenarbeit, die Teil der AG Geschlechterdifferenzierung nach §78 SGB VIII ist und dem Mädchenarbeitskreis der freien und städtischen Kinder- und Jugendeinrichtungen in Hannover als Kooperationspartnerinnen zusammengeschlossen. Aus dieser intensiven Zusammenarbeit bildete sich anschließend eine Steuerungsgruppe heraus, die ein Konzept mit dem Fokus von verstärkter Beteiligung und Partizipation von Mädchen und jungen Frauen erstellte. Diese federführende Gruppe bestand aus Mitarbeiterinnen aus dem Referat für Frauen und Gleichstellung, dem Fachbereich Jugend & Familie/Bereich Kinder- und Jugendarbeit, dem Mädchenhaus KOMM e.V., dem Verein für Erlebnispädagogik und Jugendsozialarbeit e.V. und dem Kreisjugendwerk der Arbeiterwohlfahrt Region Hannover/Arbeitsbereich „Mädchen & Migration“.

Der Hintergrund

Mädchen und jungen Frauen ist es in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen noch immer nicht möglich gleichgestellt teilzuhaben, mitzubestimmen und nach eigenen Wünschen das Leben gleichberechtigt zu gestalten. Bspw. ist die Berufswahl oder sind die Karrieremöglichkeiten bei ggf. gleichzeitiger Familienplanung oder dem Wunsch nach Familienleben häufig durch äußere Bedingungen bestimmt. In den Zukunftsentwürfen von Mädchen und jungen Frauen finden sich häufig stereotype Geschlechterrollen, so dass ein gleichgestellter Zugang zu Teilhabe-, Bildungs- und Beteiligungsprozessen auch weiterhin als ein erklärtes Ziel gesehen werden kann. Mädchen- oder Frau-Sein darf hierbei keinen Nachteil bei der Entfaltung der eigenen Identität und der Suche nach einem für sich passenden Lebenskonzept darstellen.

Um Mädchen und junge Frauen bei der freien Wahl ihrer Lebensplanung zu stärken und sie bei ihrer Identitätsbildung zu unterstützen, gibt es bereits zahlreiche geschlechtssensible sowie –spezifische Angebote in Hannover. Vor diesem Hintergrund wurden beim Projekt „Mädchen in der Stadt“ Mädchen und junge Frauen darin unterstützt, sich selbstbewusst über die eigenen Lebensvorstellungen zu äußern und die damit in Verbindung stehenden Selbstorganisations- und Aneignungsprozesse im öffentlichen Raum zu nutzen und kennenzulernen. Dazu gehört auch das Wissen, wo es außerschulische Beteiligungsmöglichkeiten gibt, wie Abstimmungsprozesse in einer Kommune verlaufen oder wie der ÖPNV funktioniert.

Die Veranstaltungen

Die Dialogphase dauerte von März bis Juli 2015 und gliederte sich in vier Veranstaltungsmodule: Drei Großveranstaltungen und zahlreiche dezentral organisierte Begleitveranstaltungen im gesamten Stadtgebiet. In den Veranstaltungen waren grundsätzlich Mädchen und junge Frauen aus dem ganzen Stadtgebiet beteiligt, unterschiedlichen Alters (Altersspanne: 6 bis 20 Jahren), mit und ohne Migrationshintergrund oder Beeinträchtigung und Behinderung.

1. Veranstaltungsmodul: Mobilitätstag – Sicher mit Bus und Bahn

Am 24.04.2015 haben sich ca. 85 Teilnehmerinnen unter dem Motto „Wie bewege ich mich sicher mit Bus und Bahn durch die Stadt?“ an der Üstra-Remise getroffen und sind anschließend von Protec und Üstra-MitarbeiterInnen durch verschiedene Stationen geführt worden. Mit den Fragen „Wie will ich mich 2030 durch die Stadt bewegen? Wie und wo möchte ich im öffentlichen Raum mitgestalten?“ haben die Mädchen in Form von einer Informationsveranstaltung, Kleingruppen- und Einzelinterviews, Empowerment-Übungen sowie individuellen Befragungsbögen das Thema „Mobilität und Teilhabe im öffentlichen Raum“ diskutiert. Die Mädchen waren sehr interessiert und hatten einen hohen Bedarf an Information und Auseinandersetzung zu den genannten Fragen.

2. Veranstaltungsmodul: Rallye „Da kann ich hin, wenn...“ – Orte für Mädchen in Hannover

Das zweite Veranstaltungsmodul wurde am 29.05.2015 im gesamten Stadtgebiet durchgeführt. Ca. 100 Teilnehmerinnen haben in Kleingruppen eine Rallye durch Hannover gemacht und dabei ausgewählte Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit und Beratungsstellen mit Angeboten für Mädchen und junge Frauen kennengelernt. An jeder der Rallye-Stationen erwartete die Teilnehmerinnen ein vielfältiges Mitmachprogramm oder einzelne Aktionen. Zusätzlich wurde im Vorfeld die Broschüre „Da kann ich hin, wenn… Orte für Mädchen in Hannover“ erstellt, in der alle Einrichtungen und Vereine, die eine Rallye-Station angeboten haben oder ein relevantes Angebot für die Zielgruppe anbieten können, vorgestellt sind. Den Abschluss bildete eine Party im Mädchenhaus KOMM. Die jungen Frauen haben sich in dieser Veranstaltung mit folgenden Fragen auseinandergesetzt und zahlreiche Ergebnisse zusammengetragen. „Wie will ich mich durch die Stadt bewegen? Welche (Hilfs-) Einrichtungen und Angebote gibt es für mich? Wie will ich in Hannover leben? Und was brauche ich dafür?“.

Aufgrund des Streiks im Sozial- und Erziehungsdienst zum Zeitpunkt der Veranstaltungen waren die städtischen Einrichtungen und deren Mitarbeiterinnen an dieser Veranstaltung nicht beteiligt.

3. Veranstaltungsmodul: Mädchen- Demokratie- Tag

51 Teilnehmerinnen im Alter von 8 bis 19 Jahren nahmen am 26.06.2015 im Neuen Rathaus Hannover am Mädchen-Demokratie-Tag teil, der in Kooperation mit dem Verein Politik zum Anfassen e.V. durchgeführt wurde. Den Mädchen wurde in dem Planspiel die Möglichkeit gegeben, Demokratie realitätsnah zu erleben und selbst auszuprobieren. Sie gründeten eigene Fraktionen, die jeweils von einer Ratspolitikerin als Patin unterstützt wurde. Sie lernten die Ratspolitikerinnen kennen und konnten im direkten Gespräch Fragen stellen. Am Ende des Tages wurden die von den Mädchen entwickelten Anträge in einer Sitzung unter der Leitung von Bürgermeisterin Kramarek diskutiert und abgestimmt. Einige der Leitfragen, die aus den Themenfeldern Mobilität, Arbeit und Teilhabe abgeleitet wurden, waren in dieser Veranstaltung: „Wie möchtest Du 2030 arbeiten? Würdest Du mit Kindern zu Hause bleiben? Wie viel Stunden möchtest Du arbeiten? Wie möchtest Du Dich 2030 durch die Stadt bewegen? Wo möchtest Du 2030 mitreden? Wählst Du den/die KlassensprecherIn/SchülersprecherIn? Wo wirst Du jetzt schon gefragt? Was bestimmst Du zu Hause mit? Wie einigt Ihr Euch im Freundeskreis?“. Insgesamt konnte ein hohes Beteiligungsinteresse der Teilnehmerinnen beobachtet werden.

4. Veranstaltungsmodul: Dezentrale Veranstaltungen

Das vierte Veranstaltungsmodul, die begleitenden Aktionen, waren ein wichtiger Teil der Beteiligungsstrategie. Die vielfältigen Aktionen wurden von den Kolleginnen in den Einrichtungen des Mädchenarbeitskreises der freien und städtischen Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie des Mädchenhaus KOMM unter Beteiligung der Mädchen durchgeführt. Somit konnten die Mädchen und jungen Frauen in politischen Themenfeldern einen direkten Bezug zwischen der erlebten Gegenwart und der mittel- bis langfristigen Zukunft herstellen. Beispielsweise konnte durch das eigene Erleben von Sicherheit im ÖPNV und dem Bewegen durch die Stadt auf Verkehrsbedingungen, örtliche Gegebenheiten und weitere Aspekte geachtet, um sich anschließend zu diesen Themenfeldern eine Meinung bilden zu können. Ein weiteres Beispiel sind die Selbstbehauptungskurse, bei denen die Mädchen ihr Selbstbewusstsein und Selbstbild dahingehend stärken konnten, um bspw. anschließend beim Mädchen-Demokratie-Tag eine eigene Position zu vertreten.

Die Beteiligung an allen Veranstaltungsmodulen wie auch die Motivation der Teilnehmerinnen war sehr hoch.

Die Ergebnisse

Insgesamt ist ein hohes Interesse an Beteiligung und Mitbestimmung der Mädchen und jungen Frauen festzustellen. Sie machen sich zu vielen Themen des alltäglichen Lebens Gedanken, haben etwas zu sagen, möchten zu diesen Themen unbedingt gehört, befragt und einbezogen werden.

Die einzelnen Veranstaltungsmodule waren unterschiedlich konzipiert, so dass die Teilnehmerinnen durch verschiedene Methoden ihre Ideen, Wünsche und Meinungen geäußert haben. Das gemeinsame Erleben, das aktive Mitmachen, das Ausprobieren, das gegenseitige Zuhören und das Gestalten standen immer im Mittelpunkt der Aktivitäten.

Methodisch wurden die Mädchen durch Einzelinterviews direkt befragt, sie konnten Befragungsbögen ausfüllen oder es wurde mit teilnehmender Beobachtung, Expertinnen-Befragung und (Klein-) Gruppendiskussionen gearbeitet oder eben wie beim Mädchen- Demokratie-Tag durch einen Mädchenrat, der die eigenen Themen mit Politikerinnen diskutiert und simulierte Ratsanträge verabschiedet hat.

Die Ergebnisse der unterschiedlichen Veranstaltungen wurden von der Steuerungsgruppe ausführlich protokolliert und zu drei Themenfeldern zusammengefasst: .


1. Themenfeld Mobilität und Umwelt

- Kostenlose WLAN- Zugänge an öffentlichen Plätzen und im ÖPNV

- In der Stadt sollen die Busse mit Solarenergie fahren

- Kostenlose Fahrten mit Bus und Bahn für Menschen, die wenig Geld haben

- Barrierefreie Zugänge zur Bahn

- Funktionierende Fahrstühle und Rolltreppen im gesamten ÖPNV

- Möglichkeit günstiger Fahrräder zu bekommen

- Mehr Fahrradständer an den Schulen

- Die Fahrradwege sollten besser gekennzeichnet sein

2. Themenfeld: Mitbestimmung, Teilhabe und Beteiligung

- Regelmäßige Demokratietage im Rathaus – Gespräche mit PolitikerInnen

- Eltern, LehrerInnen und PolitikerInnen sollen mehr zuhören

- „Wir wollen daran beteiligt werden die Stadt zu verschönern“

- Eigene Orte im öffentlichen Raum

- Aufgeschobene Kaffees in jedem Stadtteil

- Kinder- und Jugendzeitung

- Mädchenangebote erhalten und ausbauen

- Forderung der Mädchen nach kostenlosen Veranstaltungen und Aktionen

3. Themenfeld: Arbeit

- Gerechtigkeitskontrolleure am Arbeitsplatz

- Pro Schuljahr zwei Zukunftstage und drei Berufsparcours

- Kennenlernen von nichttypischen Frauenberufen


Der Beitrag zum Stadtentwicklungskonzept

Unter der Überschrift „Mehr Vielfalt der Geschlechter - Identitäten stärken“ konnten im Entwurf zum Stadtentwicklungskonzept die Ergebnisse aus der Projekt- und Dialogphase in Verbindung mit den Beteiligungserkenntnissen in zwei Zielsetzungen und zwei Strategien verdichtet werden. Für die Fachkräfte der gendersensiblen Arbeit und die MitarbeiterInnen der Verwaltung finden diese Ergebnisse derzeit schon in der tagesaktuellen Arbeit Berücksichtigung und dienen als Grundlage für zukünftige Planungen. Die Aspekte von Mädchen und Frauen im Sinne von Gender und Diversity stehen hierbei im Mittelpunkt.

Zwei Ziele: Mein Hannover 2030 „ist offen für vielfältige Lebenskonzepte von Mädchen, Frauen, Jungen und Männern“ und “bezieht maßgeblich die geschlechterspezifischen Bedarfe in Planungs- und Gestaltungsprozesse ein und lässt viel Raum für Mitgestaltung“.

Zwei Strategien: 1) Einstimmung der Gesellschaft auf aktuelle Themen; 2) Erarbeitung eines ressortübergreifendes Gesamtkonzepts [Controlling, Qualitätssicherung, Optimierung] zur weiteren Konkretisierung durch die Verwaltung.

Darüber hinaus soll angestrebt werden, dass sich die Fachkräfte zu den Themen Gender und Diversity regelmäßig fortbilden, dass paritätisch besetzte Teams in der Jugendhilfe gefördert werden und dass die Teilhabemöglichkeiten von Mädchen an außerschulischen Bildungsangeboten gestärkt und gesichert werden sollen.

Für die knapp 500 Teilnehmerinnen und die interessierte Öffentlichkeit wurde eine Broschüre „Gesamtdokumentation zu Mädchen in der Stadt“ erstellt, um alle Ideen und Ergebnisse zu sichern, die Veranstaltungen im Detail vorzustellen und um Erlebnisse mit Fotos und kleinen Texten festzuhalten.

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Das Projekt „Mädchen in der Stadt“ nimmt Mädchen und junge Frauen in den Fokus und verleiht ihnen eine Stimme im Stadtentwicklungsprozess „Mein Hannover 2030“.

Kostentabelle

Es entstehen keine finanziellen Auswirkungen.

51.5 /GB
Hannover / Feb 17, 2016