Informationsdrucksache Nr. 3100/2019:
Internationale Jugendbegegnungen

Inhalt der Drucksache:

Bitte beachten Sie, dass der folgende Text eventuell medienbedingte Formatabweichungen aufweisen kann. Eine formatgetreue Abbildung des Inhalts finden Sie in der Anlage "Druckversion.pdf".
Landeshauptstadt HannoverInformationsdrucksacheInformationsdrucksache
In die Kommission für Kinder- und Jugendhilfeplanung
In den Jugendhilfeausschuss
 
Nr.
Anzahl der Anlagen
Zu TOP
 
3100/2019
2
 

Internationale Jugendbegegnungen

Die Verwaltung wurde mit einem Haushaltsbegleitantrag zu DS 1297/2018, Teilhaushalt 51 Jugend und Familie, Produkt 36602 Jugend Ferien-Service, vom 09.11.2018 aufgefordert, über internationale Jugendbegegnungen und Jugendreisen des Jugend Ferien-Service, insbesondere in Partnerstädte Hannovers, zu berichten und Ressourcen für eine Ausweitung der Projekte zu benennen (Antrag siehe Anlage H-0361-2019).

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Die Projekte richten sich an alle Kinder und Jugendlichen unabhängig vom Geschlecht.

Kostentabelle

Es entstehen keine finanziellen Auswirkungen. In der Informationsdrucksache werden zunächst nur Ideen und Zukunftsperspektiven beschrieben. Zu einzelnen Projekten, die umgesetzt werden sollen, müssen dann finanzielle und personelle Ressourcen benannt und beschlossen werden.
















Darstellung der internationalen Begegnungen

Gliederung
1. Vorbemerkung
2. Internationale Arbeit im Bereich Kinder- und Jugendarbeit
2.1 Selbstorganisierte Begegnungen und Fahrten ins Ausland
2.2 Organisierte Begegnungen im Ausland
2.3 Begegnungsprojekte in Hannover
3. Einbeziehung freier Träger
4. Zugangsbarrieren von Jugendlichen
5. Zugänge zu internationalen Begegnungen
6. Ressourcen
6.1 Ressourcen bei internationalen Partner*innen/Städtepartnerschaften
6.2 Eigene Ressourcen
6.2.1 Sachkosten
6.2.2 Personalkosten
7. Fazit und Perspektive

1. Vorbemerkung
Das Feld der Städtepartnerschaften wird innerhalb der Stadtverwaltung in vielfältiger Weise bearbeitet und entwickelt. Verschiedene Fachbereiche (Kulturbüro, VHS, Schulen, Jugend und Familie und Sport und Bäder) führen in diesem Feld unterschiedliche Maßnahmen selbstorganisiert durch oder unterstützen Vereine, Verbände und Freundschaftskreise bei Bürgerreisen in die Partnerstädte mit diversen Beratungsmöglichkeiten und Fördermitteln. Die Zuständigkeit richtet sich dabei nach den thematischen Schwerpunkten und angesprochenen Zielgruppen.

Der Fachbereich 51 ist für die Organisation und Durchführungen internationaler Jugendbegegnungen im Rahmen der Kinder- und Jugendarbeit zuständig. Internationale Jugendarbeit und somit auch Jugendreisen in die internationalen Partnerstädte Hannovers sind im Sozialgesetzbuch VIII (SGB VIII) als einer von sechs Schwerpunkten der Jugendarbeit gesetzlich verankert:
§ 11 SGB VIII
(3) Zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit gehören:
1.außerschulische Jugendbildung mit allgemeiner, politischer, sozialer, gesundheitlicher, kultureller, naturkundlicher und technischer Bildung,
2.Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit,
3.arbeitswelt-, schul- und familienbezogene Jugendarbeit,
4.internationale Jugendarbeit,
5.Kinder- und Jugenderholung,
6.Jugendberatung.
Dass Jugendliche und junge Erwachsene von internationalen Erfahrungen profitieren, ist unbestritten und vielfältig wissenschaftlich nachgewiesen. Der Aufenthalt im Ausland und der damit verbundene Kontextwechsel ermöglicht Differenzierungserfahrungen und hat
insbesondere positive Effekte im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung, auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und die Kompetenzentwicklung in unterschiedlichen Bereichen. Daher ist es auch ein Anliegen des Fachbereichs Jugend und Familie, die internationale Arbeit zu erhalten und zu stärken und auch sogenannten benachteiligten Jugendlichen einen Zugang zu ermöglichen.



2. Internationale Arbeit im Bereich Kinder- und Jugendarbeit
Im Fachbereich Jugend und Familie führen unterschiedliche Stellen internationale Projekte mit Kindern und Jugendlichen durch. Die im Haushaltsbegleitantrag (Anlage 1) vorgenommene Konzentration auf den Jugend Ferien-Service und Städtepartnerschaften ist somit als begrenzt zu betrachten. Die Verwaltung möchte daher zunächst einen Überblick über alle internationalen Projekte des Fachbereichs geben.

Insgesamt konnten 16 Projekte im Berichtszeitraum (2017/2018) umgesetzt werden. Drei Projektarten sind dabei zu unterscheiden:



2.1 Selbstorganisierte Begegnungen und Fahrten ins Ausland
Hierbei handelt es sich um Fahrten und Projekte, die von den Teilnehmer*innen zu einem hohen Anteil selbst geplant und organisiert wurden. Sie basieren auf Ideen und Wünschen von Jugendlichen, die dann partizipatorisch mit ihnen im Rahmen von gelebten Beteiligungsprojekten vorbereitet und umgesetzt wurden. Im Berichtszeitraum konnten so fünf Projekte verwirklicht werden:

Einrichtung
Reiseziel
Haus der Jugend, Zirkus Salto
Rundreise Rumänien
Fußball Fanprojekt
Straßburg
Haus der Jugend, Zirkus Salto
Fribourg
Jugendzentrum Roderbruch
Lloret de Mar
Jugend Ferien-Service
Peschiera del Garda

2.2 Organisierte Begegnungen im Ausland
Diese Projekte wurden von den Veranstalter*innen zum überwiegenden Teil vorgeplant und organisiert. Umfasst sind u.a. Reisen in die Partnerstädte Hannovers. Zurzeit bestehen in der Landeshauptstadt Hannover sieben Städtepartnerschaften:
· Blantyre/Malawi
· Bristol/Großbritannien
· Hiroshima/Japan
· Leipzig/Deutschland
· Perpignan/Frankreich
· Poznan/Polen
· Rouen/Frankreich


Im Berichtszeitraum wurden drei Projekte mit Partnerstädten umgesetzt:
Einrichtung
Reiseziel
Haus der Jugend
Rouen
Jugend Ferien-Service
Bristol
Jugend Ferien-Service
Hiroshima

Noch bis vor 10 Jahren bestand ein sehr intensiver Austausch zwischen den Partnerstädten und der LHH. Neben Jugendbegegnungsmaßnahmen fanden internationale Tagungen und gemeinsame Ferienprojekte statt. Diese Projekte wurden in den vergangenen Jahren immer weiter eingeschränkt, da die Partnerstädte keine ausreichenden finanziellen und personellen Ressourcen mehr zur Verfügung stellen konnten (siehe auch Ziffer 6.1).

Letztmalig wurde dann von der LHH in 2010 eine internationale Jugendkonferenz der Städte Bristol, Poznan, Verona und Hannover in Kirchheim organisiert. Dieses Projekt, das über Mittel aus dem EU-Programm „Jugend in Aktion“ finanziert wurde, war überaus arbeitsaufwendig und konnte somit nicht wiederholt werden.

Weiterhin werden auch Fahrten in andere europäische Städte und Regionen durchgeführt:
Einrichtung
Reiseziel
Jugendsportzentrum
Alpencross, Deutschland-Österreich-Italien
Jugend Ferien-Service
Hollandfahrt, Familienaufenthalt
Jugend Ferien-Service
Oberwimm
Jugend Ferien-Service
Segeltour Ijsselmeer
Berufsbildende Schule VI
Auschwitz

Abgesehen von dem Projekt der BBS, fanden diese Freizeiten im Rahmen der Feriengestaltung statt. Hervorzuheben ist der Familienaufenthalt hannoverscher Kinder in Holland, organisiert mit unserem Partner der Stiftung Europa Kinderhulp. Im Gegenzug wird einigen niederländischen Kindern eine Teilnahme an einer Freizeit im Sommercamp Otterndorf ermöglicht.

2.3 Begegnungsprojekte in Hannover
Die beschriebenen Ziele der internationalen Jugendarbeit (u.a. andere Kulturen kennen lernen, Vorurteile abbauen, Toleranz üben, Freundschaften schließen) sind nicht ausschließlich in Form von Hin- und Rückbegegnungen mit den verschiedenen internationalen Partnern erreichbar, sondern können auch durch den Kontakt mit Kindern und Jugendlichen aus den verschiedensten Ländern, die in Hannover leben, verfolgt werden.

In Hannover leben ca. 173.190 Menschen mit Migrationshintergrund mit Bezug zu mehr als 160 Ländern. Sie stellen 31,8 % der Stadtbevölkerung. Hierzu gehören inzwischen 41.953 Kinder und Jugendliche in der Altersklasse von 0 bis 17 Jahren. Der Anteil an dieser Altersklasse beträgt damit über 50 % (Stand 31.12.2018 - STATIS-Hannover, Landeshauptstadt Hannover - Bereich Wahlen und Statistik). Es ist zu erwarten, dass die Differenzierung innerhalb der Religions-, Kultur-, Sprach- und Nationalitätengruppen weiter zunehmen wird. Somit müssen sich alle Kinder-, Jugend- und Bildungseinrichtungen in Hannover auf die dauerhaft bestehende Aufgabe der Integration und Förderung einer kulturell, sprachlich und sozial heterogenen Einwohnerschaft einstellen. Die interkulturelle Stadtgesellschaft wird in ihrer Vielfalt, insbesondere auch in den Kinder- und Jugendeinrichtungen der Landeshauptstadt, sichtbar und spürbar. Ziel internationaler Jugendarbeit könnte zukünftig somit auch die Stärkung eines Austausches innerhalb der Stadt sein.

Im Berichtszeitraum fand das Projekt „Footprints United“ statt, welches vom Jugend Ferien-Service gemeinsam mit den Vereinen "Gemide e.V." und "Kargah e.V." sowie den Spielparks Linden und Ricklingen umgesetzt wurde.

Ein gutes Beispiel für eine interkulturelle Begegnung in Hannover ist das von 2012 - 2016 durchgeführte Projekt „Switch“. Dieses ermöglichte Kindern eine Weltreise in den Schulferien ohne ins Flugzeug zu steigen, Freund*innen aus fernen Ländern zu gewinnen, ohne die eigene Stadt zu verlassen, und so andere Kulturen kennen und verstehen zu lernen.

Die teilnehmenden Kinder wurden in Gruppen eingeteilt, die jeweils aus vier Kindern unterschiedlicher Herkunft bestanden. Die Kinder verbrachten vier Tage im Wechsel in einer der Familien. Das Programm wurde von den jeweiligen Familien selbst gestaltet: Gemeinsames Zubereiten und Essen traditioneller Speisen, das „Erlernen“ der fremden Sprache, Verkleiden, Musizieren und landestypische Spiele, Ausstellungs- oder Museumsbesuche zum jeweiligen Land waren nur ein paar Ideen, um die gemeinsame Zeit zu gestalten. Im Vordergrund stand die Freude an gemeinsamen Unternehmungen und die Präsentation der unterschiedlichen Kulturen und Traditionen. Ein großes Abschlussfest beendete die „Weltreise“.

Das „Switch-Projekt“ ist nur ein Beispiel für eine gelungene Begegnung unterschiedlicher Kulturen in Hannover. Vorstellbar wären hier Projekte im sportlichen Bereich (z.B. interkulturelle Fußballturniere oder Mannschaften), musikalische Projekte (z.B. gemischte Bands oder Orchester), Bastelaktionen, Kochkurse oder die Ausrichtung gemeinsamer Feste. Solche Projekte könnten klassische internationale Begegnungen auch vorbereiten und sinnvoll ergänzen.

Weiterhin finden regelmäßig Treffen mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Nationen auf unsere Einladung in Hannover statt:
Einrichtung
Projekt
Haus der Jugend
Zirkusfestival
Jugendzentrum Döhren, Haus der Jugend
Hip-Hop-Pfingstcamp

Allein am jährlich zu Pfingsten stattfinden Hip-Hop-Camp nehmen 1.500 Kinder und Jugendliche aus 16 Nationen teil.

3. Einbeziehung freier Träger
Neben städtischen Einrichtungen bieten zahlreiche Jugendverbände, Vereine, Schulen und auch kommerzielle Anbieter*innen internationale Freizeiten und Begegnungsprojekte an. Der Jugend Ferien-Service kooperiert u.a. sehr eng mit dem Freundschaftskreis Hannover-Hiroshima e.V., JANUN e.V. und anderen Trägern der Jugendhilfe. Darüber hinaus engagiert sich der Bereich in unterschiedlichen Arbeitskreisen und internationalen Netzwerken. Beispielhaft seinen hier die „Stiftung Europa Kinderhulp“ und die internationale Jugend-Friedenskonferenz (IYCPF) genannt.

Zur Einbeziehung und Sichtung von freien Trägern für zukünftige Maßnahmen im Bereich der internationalen Jugendarbeit und/oder Städtepartnerschaften könnte die Internetplattform „Ferienbörse Hannover“ ein geeignetes Instrument sein. Beispielhaft ist als Anlage 2 eine Übersicht der zum Stichtag 19.06.2019 auf der Ferienbörse eingestellten internationalen Projekte und Freizeiten beigefügt.

Weiterhin fördert der Bereich Kinder- und Jugendarbeit zahlreiche Projekte freier Träger. Die Höhe der Beihilfen bestimmt sich nach den Richtlinien über die Förderung von Jugendverbänden und Jugendgruppen.

Maßnahmen freier Träger mit Förderung seitens der Landeshauptstadt:
Land
Stadt
Träger
Rumänien
Cluj
Jugendverband Ev. Freikirchen
Russland, Spanien, USA
Hannover
CVJM
Russland
Ivanovo
CVJM
Serbien
Kragujevac
JANUN
Türkei
Diyarbakir
JANUN
Russland
Hannover, Poppau und Gedelitz
JANUN
Russland
Hannover
CVJM
USA
Pennsylvania
CVJM
Russland
Abbensen
CVJM
Israel
Hannover
CVJM

4. Zugangsbarrieren von Jugendlichen
Potentiell interessierte Jugendliche an Jugendbegegnungsmaßnahmen sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden. In Deutschland sammeln immer mehr Jugendliche internationale Erfahrungen in Auslandsaufenthalten. Vor allem sozial und finanziell benachteiligte Jugendliche nehmen sich jedoch selbst nicht als Zielgruppe des internationalen Jugendaustauschs wahr, und auch ihr Umfeld hält eine Teilnahme nicht unbedingt für notwendig.

Insbesondere diesen jungen Menschen, für die eine Teilnahme an internationalen Begegnungen nicht selbstverständlich ist, sollte es ermöglicht werden, Bildung und Freizeit in der internationalen Jugendarbeit als persönliche Bereicherung zu erfahren. Die im Folgenden aufgeführten Befürchtungen und persönlichen Hinderungsgründe von Jugendlichen sind zwar milieuunabhängig vorhanden, sie treten aber verstärkt bei Jugendlichen mit geringer oder eingeschränkter Bildungsteilhabe auf:

- Sorge um mangelnde Sprachkenntnisse und somit Verständigungsschwierigkeiten.
- Das Denken, dass die Teilnahme an Jugendbegegnungen nur etwas für
leistungsstarke Jugendliche ist.
- Fehlende finanzielle Ressourcen, um ins Ausland zu gehen.
- Fehlende positive Unterstützung im Elternhaus.
- Fehlender Zugang zu Reiseinformationen.
- Temporäre Trennung von Freund oder Freundin.

Um Zugangsbarrieren zu verringern, ist eine Stärkung der Motivation und ein Abbau von Zugangshindernissen erforderlich. Um mehr Jugendliche zu erreichen, die bisher nicht zum Teilnehmendenkreis zählen, ist es wichtig, dauerhafte Vertrauensverhältnisse aufzubauen und passende Jugendaustauschformate gemeinsam mit den Jugendlichen partizipativ zu entwickeln.

Als positives Beispiel für einen niedrigschwelligen Zugang ist an dieser Stelle die Gardasee-Jugendbegegnung mit Tschechien, Italien, Spanien und Deutschland im Jahr 2017 zu erwähnen. Die 30 damaligen teilnehmenden Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren kamen größtenteils aus den städtischen Jugendzentren. Die restlichen Plätze konnten über die Ferienbörse Hannover, also über ein offenes Online-Anmeldeverfahren, besetzt werden. Diese gewollte Konstellation hatte den Vorteil, dass die Reisegruppe eine hohe kulturelle Diversität aufwies.

5. Zugänge zu internationalen Begegnungen


Quelle: IJAB-Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (2019): Forum Jugendarbeit International – Internationale Jugendarbeit-Zugänge, Barrieren und Motivation

Das Schaubild verdeutlicht, dass neben der Schule und der Familie auch der Jugendarbeit eine große Bedeutung für die Verbreitung internationaler Jugendarbeit zukommt.

Um Barrieren und Hemmnisse für benachteiligte Jugendliche, wie fehlende Informationen und fehlende Unterstützung im Familienkreis, abzubauen, muss somit auch ihre Lebenswelt "Schule" intensiver eingebunden werden. Schulpartnerschaften und Klassen- und Jahrgangsfahrten stellen hier keine Konkurrenz zu den Angeboten der Jugendarbeit dar, sondern sind sinnvolle Ergänzungen. Der Weg in die Zukunft von internationalen Begegnungen braucht Bündnisse und Vernetzungen von Partnern in diesen beiden Bereichen. Eine Zusammenarbeit von schulischer und außerschulischer Bildung im Bereich der internationalen Jugendbegegnungen ist für beide Bildungssysteme wünschenswert. Schule und Jugendarbeit erfüllen eine wichtige Schnittstellenfunktion in puncto Information und Vermittlung von organisierten Auslandsaufhalten und sind soziale Orte, an denen Jugendliche im alltäglichen Austausch stehen und sich gegenseitig informieren. Dies ist umso entscheidender, als auch Freunde*innen und Peergroups zentrale Motivatoren für die Teilnahme an internationalem Jugendaustausch sind.

Um auch verstärkt junge Menschen zu erreichen, welche bis jetzt nicht die Möglichkeiten hatten, an grenzüberschreitenden Begegnungsn teilzuhaben, wären Kooperationen mit Schulformen wie Oberschulen, Gesamtschulen und Realschulen zielführend. Der Netzwerkarbeit in diesem Bereich kommt eine besonders hohe Bedeutung zu.

6. Ressourcen
6.1 Ressourcen bei internationalen Partner*innen/Städtepartnerschaften
Die Durchführung internationaler Begegnungen ist insbesondere von den Möglichkeiten, den gesetzlichen Rahmenbedingungen und den Zielen unserer Partnerstädte abhängig.

Die gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen sind in unseren Partnerstädten überaus unterschiedlich. Ein aktuelles Beispiel hierfür sind Vorgaben zu Übernachtungen bei Gasteltern in Großbritannien. Aufgrund der geänderten Kinderschutzgesetze muss dort von den Gasteltern ein Führungszeugnis eingeholt werden. Durch dieses Verfahren ist es schwieriger geworden, Gasteltern für Übernachtungen zu gewinnen.

Dazu kommen gesellschaftliche Veränderungen, wie die zunehmende Vollzeit-Berufstätigkeit beider Elternteile, die die Übernahme eines Ehrenamtes zusätzlich erschweren. Ähnliche Erfahrungen und Rückmeldungen machen wir auch bei unseren Hollandfreizeiten mit unserem Partner „Stiftung Europa Kinderhulp“.

Weiterhin besteht auch die Problematik der Mittelakquise in den Partnerstädten. Der Kollege aus Bristol etwa hat zurzeit keine finanziellen Mittel zur Verfügung, um mit einer Gruppe zum Gegenbesuch nach Hannover zu kommen. Die Arbeit unserer Partner dort wird aktuell ausschließlich über Spenden finanziert. Unser Besuch in Bristol in 2019 wird somit voraussichtlich ohne Gegenbesuch bleiben.

Um eine langfristig angelegte, zuverlässige und tragende Zusammenarbeit mit Partnerstädten zu initialisieren, wäre es im Vorfeld sinnvoll, ein Fachkräftetreffen mit den zuständigen Kolleg*innen der sieben Partnerstädte oder zumindest mit den zurzeit noch fünf europäischen zu organisieren. Solche Fachkräftetreffen sind als Kontakt-, Planungs- und Netzwerkplattformen notwendig. Es ist zu prüfen, ob entsprechende Maßnahmen unter Berücksichtigung der Richtlinien europäischer Förderprogramme wie Erasmus+, Jugend in Aktion oder Europa für Bürger*innen gefördert werden können. Neben den EU-Fördermitteln besteht auch die Möglichkeit, Bundes- und Landesmittel über die Landesjugendämter bzw. die zuständigen Jugendwerke zu beantragen.

Aus der Erfahrung der vergangenen Jugendreisen ist ein persönliches Kennen und damit verbundenes Vertrauen zwischen den beteiligten Organisator*innen ein wesentlicher Bestandteil einer gelingenden internationalen Begegnung. Ein solches Fachkräftetreffen der Partnerstädte könnte darüber hinaus dazu dienen, Gemeinsamkeiten auszuloten, thematische Schwerpunkte zu definieren und erste programmatische Inhalte anzusprechen.

6.2 Eigene Ressourcen
6.2.1 Sachkosten
Die Frage zusätzlicher finanzieller und personeller Ressourcen für die Finanzierung weiterer internationaler Projekte ist pauschal nicht zu beantworten. Die Ausgaben sind maßgeblich u.a. von folgenden Faktoren abhängig: Teilnehmer*innenzahl, Reisedauer, Reisezeit, Fahrtkosten, Reiseziel, Unterbringungsart und Programminhalte. Beispielhaft möchten wir die Kosten für die Projekte am Gardasee und in Bristol aufführen:

Beispielhafte Auflistung der Einnahmen und Ausgaben von Internationalen Jugendreisen

TN-

Zahl

TN-

Alter

Reisedauer
Einnahmen

TN-Gebühren

Ausgaben

gesamt

Zuschuss-

betrag

Gardasee 2017
30
16–22
14 Tage
8.970,00 €
29.588,74 €
20.618,74
Bristol 2019
20
16–20
7 Tage
5.980,00 €
19.970,00 €
13.990,00

Eine maßgebliche Variable ist die Höhe der Teilnahmegebühren. Sollen verstärkt sozial oder finanziell benachteiligte Jugendliche angesprochen werden, können keine hohen Teilnahmegebühren erhoben werden. Die Einnahmen durch die Teilnahmegebühren bei den aufgeführten Jugendreisen betragen je Maßnahme ca. 30% der Gesamtausgaben.


Die Abdeckung des Fehlbetrages erfolgte bislang immer über eine Mischfinanzierung. Neben Eigenmitteln konnten maßnahmeabhängig Fördermittel des Bundes, des Landes, der EU, durch internationale Jugendwerke (z.B. Deutsch Französisches Jugendwerk) oder andere städtische Stellen eingeworben werden. Auch Kooperationspartner wie der Freundschaftskreis Hannover-Hiroshima e.V. beteiligen sich an der Finanzierung. Die verbleibenden Eigenbeträge wurden aus laufenden Budgets für pädagogische Arbeit abgedeckt.

Es bleibt anzumerken, dass eine Mischfinanzierung, insbesondere bei Einbeziehung von EU Fördermitteln, sehr arbeitsaufwendig ist und einen erheblichen Zeitaufwand benötigt. Zur Durchführung eines zusätzlichen Projektes wäre daher eine Erhöhung des Sachkostenansatzes im Produkt 36602 über 20.000,00 € notwendig.

6.2.2 Personalkosten


Aktuell wird der überwiegende Teil der beschriebenen Projekte im Rahmen der Alltagsarbeit in den Einrichtungen der Kinder und Jugendarbeit umgesetzt, gesonderte Stellenanteile sind meist nicht eingerichtet. Dies hat sich in der Praxis auch bewährt, da gerade Jugendliche unserer Zielgruppe bei Reisen ins Ausland vertraute Ansprechpartner*innen benötigen. Der Beziehungsarbeit im Vorfeld kommt somit eine besondere Bedeutung zu.

Im Jugend Ferien-Service ist derzeit auf einer Vollzeitstelle ein Stellenanteil von 20% für das Themenfeld Internationale Jugendarbeit/Städtepartnerschaften festgeschrieben. Dieser Stellenanteil reicht zurzeit aus, um, neben verwaltenden und koordinierenden Tätigkeiten, alle zwei Jahre eine internationale Bildungsmaßnahme (2017 Gardasee, 2019 Bristol), teilweise mit Bezug zu Partnerstädten, zu organisieren und durchzuführen. Hinzu kommt noch alle zwei Jahre im Wechsel eine Jugendbegegnung mit japanischen und deutschen Jugendlichen aus Hiroshima in Hannover. Zusammenfassend findet also jedes Jahr mindestens eine Maßnahme mit Bezug zu einer Städtepartnerschaft oder eine internationale Jugendreise statt.

Für die Organisation, Durchführung und Nachbereitung eines internationalen Projektes sowie für die Netzwerkarbeit und die Mittelaquise bedarf es im Vergleich zu anderen inländischen Jugend- und Bildungsreisen immer eines erhöhten Zeit-, Personal- und Finanzbudgets. Beispielhaft sei hier der erhöhte Betreuungsschlüssel, die Sprachanimation durch externe Referent*innen und Übersetzungstätigkeiten für Maßnahmen mit internationalem Charakter aufgeführt.

Sofern dieser Arbeitsbereich ausgebaut werden soll, müssten die personellen Kapazitäten erhöht werden.

7. Fazit und Perspektive
Die Durchführung und Unterstützung von Jugendreisen in die Partnerstädte von Hannover ist ein individuell und gesellschaftlich sinnvolles Bildungsangebot. Um diese Angebote stärker zu berücksichtigen, ohne andere gesetzliche Aufgaben zu vernachlässigen und der Aufgabe qualitativ und pädagogisch gerecht zu werden, ist eine Erhöhung der sachlichen und personellen Ressourcen erforderlich.

Um die Städtepartnerschaftsreisen neu zu konzipieren, wäre aus unserer Sicht ein Fachkräftetreffen der zuständigen Kolleg*innen aller Partnerstädte als Startschuss zielführend. Neben dem persönlichen Kennenlernen der Fachkräfte könnte sich dort bereits über Absichtserklärungen, Beteiligungsformen, Zielgruppen, Themenschwerpunkte, Reisezeitpräferenzen sowie personelle und finanzielle Ressourcen besprochen und ausgetauscht werden. Mit den Ergebnissen und Erkenntnissen des Fachkräftetreffens würde eine gute Basis vorliegen, um die Jugendreisen in die Partnerstädte zu intensivieren.

Die Einbeziehung der Schulen mit Interesse an Stadtpartnerschaften könnte bereits an dieser Stelle förderlich sein, um frühzeitig Multiplikatoren und Lehrer*innen für kommende Jugendbegegnungen zu gewinnen.

Perspektivisch ließen sich verschiedene Projektideen mit freien Trägern und Partnerstädten verwirklichen:
· Besuch des EU-Parlaments in Straßburg (politische und demokratische Bildung, Gemeinschaftsprojekt mit den städtischen Jugendzentren)
· Entwicklung und Installation einer internationalen Jugendgruppenleiter*innen-Ausbildung (gesellschaftliche und persönliche Bildung).
· Weiterentwicklung von Schulpartnerschaften mit Partnerstädten (Verstetigung und Netzwerkbildung).
· Ausbau der Serviceleistungen und individuelle Beratung für Träger der Kinder- und Jugendarbeit und interessierte Jugendliche zu Möglichkeiten und Finanzierungshilfen in der internationalen Jugendarbeit (Empowerment und Selbstwirksamkeit).
· Entwicklung eines interkulturellen Begegnungsprojekts für junge Menschen mit dem Veranstaltungsort Hannover („Switch für Jugendliche“).

51.5 
Hannover / Nov 26, 2019