Drucksache Nr. 2452/2022:
Widmung der Grabstätte von Alfred Jahn als Ehrengrabstätte

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2452/2022 (Originalvorlage)

Beratungsverlauf:

Inhalt der Drucksache:

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2452/2022
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Widmung der Grabstätte von Alfred Jahn als Ehrengrabstätte

Antrag,

die Grabstätte von Alfred Jahn (geboren am 14.10.1885 in Langensalza, gestorben am 07.04.1974 in Hannover) auf dem Stadtfriedhof Ricklingen als Ehrengrabstätte gemäß der am 16.07.2015 beschlossenen Ehrengräbersatzung zu widmen.

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Aktuell sind 5 % der Ehrengrabstätten Frauen gewidmet. Die Verwaltung strebt an, zukünftig den Frauenanteil an Würdigungen dieser Art zu erhöhen.

Kostentabelle

Darstellung der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen in Euro:
Teilfinanzhaushalt 41 - Investitionstätigkeit
Bezeichnung
EinzahlungenAuszahlungen
Zuwendungen für Investitionstätigkeit €0.00
Beiträge u.ä. Entgelte für Investitionstätigkeit €0.00
Veräußerung von Sachvermögen €0.00
Veräußerung von Finanzvermögensanlagen €0.00
Sonstige Investitionstätigkeit €0.00
  
  
  
Erwerb von Grundstücken und Gebäuden €0.00
Baumaßnahmen €0.00
Erwerb von bewegl. Sachvermögen €0.00
Erwerb von Finanzvermögensanlagen €0.00
Zuwendungen für Investitionstätigkeit €0.00
Sonstige Investitionstätigkeit €0.00
  
Saldo Investitionstätigkeit €0.00
€0.00

Teilergebnishaushalt 67 - Investitionstätigkeit
Produkt 55301
Bestattung und Grabpflege
Angaben pro Jahr
Ordentliche ErträgeOrdentliche Aufwendungen
Zuwendungen und allg. Umlagen €0.00
Sonstige Transfererträge €0.00
Öffentlichrechtl. Entgelte €0.00
Privatrechtl. Entgelte €0.00
Kostenerstattungen €0.00
Auflösung Sonderposten (anteilige Zuwendungen) €0.00
Sonstige ordentl. Erträge €0.00
  
Außerordentliche Erträge €0.00
  
Erträge aus internen Leistungsbeziehungen €0.00
Personalaufwendungen €0.00
Sach- und Dienstleistungen €0.00
Abschreibungen €0.00
Zinsen o.ä. (TH 99) €0.00
Transferaufwendungen €0.00
Sonstige ordentliche Aufwendungen €350.00
  
Saldo ordentliches Ergebnis (€350.00)
Außerordentliche Aufwendungen €0.00
Saldo außerordentliches Ergebnis €0.00
Aufwendungen aus internen Leistungsbeziehungen €0.00
Saldo aus internen Leistungsbeziehungen €0.00
Saldo gesamt (€350.00)
Ab Übernahme entstehen der Stadt jährliche Pflege- und Unterhaltungskosten in Höhe von 350 Euro.

Begründung des Antrages


Frau Sylvia Wolters hat von ihrem Vorschlagsrecht gem. § 2 der Ehrengräbersatzung Gebrauch gemacht und schlägt vor, die Grabstätte ihres Urgroßvaters als Ehrengrab zu widmen und es damit auf Friedhofsdauer in die städtische Pflege zu übernehmen.

Leben und Wirken von Alfred Jahn

Alfred Jahn wurde als Sohn einer Weberfamilie am 14.10.1885 in Langensalza geboren und machte nach dem Besuch der Volksschule eine Lehre als Weber in einer mechanischen Weberei. Ab 1906 diente er freiwillig in einem Ulanen-Regiment. Nach dem Ende seiner Dienstzeit zog er 1910 von Hanau nach Hannover, wo er eine Stelle als Hilfsschutzmann bei der staatlichen Polizei antrat. Im gleichen Jahr heiratete er; das Paar bekam insgesamt drei Kinder (geb. 1910, 1918, unbekannt). Die Familie wohnte zunächst in der Göttinger Chaussee und anschließend von 1920 bis 1938 am Martensplatz in Ricklingen.

Nach den Angaben zu seiner Person aus einem späteren Gerichtsurteil musste Alfred Jahn 1921 aufgrund einer Unterschlagung im Amte seinen Dienst bei der Polizei quittieren. Nach einjähriger Arbeitslosigkeit wurde er schließlich Kontrolleur bei den Excelsior-Werken in Hannover.

Bereits 1919 war Alfred Jahn der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) beigetreten. Am 22. Februar 1924 gründeten die SPD, das Zentrum und die Deutsche Demokratische Partei in Leipzig einen politischen Wehrverband zum Schutz der demokratischen Republik. Das Anfang der 1930er Jahre rund 3 Millionen Mitglieder zählende „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ war eine weitgehend sozialdemokratische Organisation, die vor allem den Schutz von Veranstaltungen und Gebäuden der SPD und der Gewerkschaften vor den Übergriffen der Nationalsozialisten übernahm.

Alfred Jahn kündigte 1925 seine Stelle bei den Excelsior-Werken und wurde technischer Leiter (Geschäftsführer) des Reichsbanners in Hannover, später auch für den Gau Hannover (Provinz Hannover). Gemeinsam mit Karl Raloff bildete er die Führung des Reichsbanners in Hannover.


In Hannover kam es in den Jahren 1932/33 zu zahlreichen gewaltsamen Zusammenstößen des Reichsbanners mit der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) der NSDAP. Bei einem Überfall von SA-Männern auf eine Wahlkundgebung der SPD im Lister Turm wurden am 21. Februar 1933 die Angehörigen des Reichsbanners Wilhelm Heese (Ehrengrab) und Wilhem Großkopf (Ehrengrab) erschossen. Unter den zahlreichen Verletzten des Reichsbanners war auch Alfred Jahn, der eine Schussverletzung am rechten Unterschenkel erlitt. Wenige Tage zuvor hatte Alfred Jahn mit Plakatanschlägen zu einer Demonstration der „Eisernen Front“ aufgerufen. Die „Eiserne Front“ war ein Zusammenschluss des Reichsbanners mit den Gewerkschaften und der SPD. Unter dem Motto „Zeigt der Reaktion, dass Hannover rot bleibt“ versammelten sich schließlich am 19. Februar 1933 rund 45.000 Menschen auf dem Klagesmarkt. Bei der Kommunalwahl vom März 1933 wurde Alfred Jahn nach seinen Angaben in das Bürgervorsteherkollegium der Stadt Hannover gewählt.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten verschärfte sich 1933 der Terror gegen die politischen Gegner. Das Reichsbanner wurde im März 1933 verboten und Alfred Jahn damit arbeitslos. Nach der Besetzung des hannoverschen Gewerkschaftshauses am 1. April 1933, wo sich das Büro des Reichsbanners befand, musste Alfred Jahn untertauchen, um den Durchsuchungen und Verhaftungen der SA zu entgehen. Er versteckte sich an unterschiedlichen Orten in Hannover und Umgebung. Im Juni 1933 wurde er verhaftet und mehrere Wochen im KZ Moringen inhaftiert. Bereits kurz nach seiner Entlassung wurde er Ende Juli 1933 erneut verhaftet und für einen Monat wieder in das KZ Moringen gebracht, wo ihn die SS-Wachleute körperlich schwer misshandelten.

Nach seiner Entlassung tauchte er noch einige Monate in Thüringen unter, kehrte dann aber nach Hannover zurück. In Hannover lebte er mit seiner Familie von den kargen Einnahmen eines Kolonialwarengeschäfts, das seine Ehefrau im Sommer 1933 erworben hatte.

Nach den Angaben in der Forschungsliteratur zum hannoverschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu urteilen, war Alfred Jahn Mitglied des sogenannten


„Funktionärskreises“, einer lockeren Widerstandsgruppe in Hannover aus ehemaligen Partei- und Gewerkschaftssekretären, die vor allem illegale Schriften untereinander austauschten und Kontakt zur Sopade hielten, dem im ausländischen Exil befindlichen Vorstand der SPD. Zu einer engeren Zusammenarbeit mit der „Sozialistischen Front“, der mit Abstand bedeutendsten und größten Widerstandsorganisation in Hannover, kam es aber trotz personeller und thematischer Überschneidungen offenbar nicht. Trotzdem wurden 1936 nach Verhaftungen zahlreicher Mitglieder der Sozialistischen Front auch die Mitglieder des Funktionärskreises verhaftet und vom Berliner Kammergericht zu teilweise hohen Zuchthausstrafen verurteilt.

Alfred Jahn wurde im Juni 1936 ebenfalls verhaftet, doch vermuteten die Ermittlungsbehörden in ihm längere Zeit den eigentlichen Führer der „Sozialistischen Front“, sodass sein Verfahren abgetrennt wurde. Bis April 1939 saß er in Hannover, Hildesheim und in Hamm in Untersuchungshaft. Im März 1939 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Hamm wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens zu fünf Jahren Zuchthaus, zwei davon galten bereits als durch die Untersuchungshaft verbüßt. Zu Last gelegt wurde ihm die Annahme und Verbreitung illegaler Schriften beispielsweise der „Sozialistischen Front“. Seine Haft verbüßte Alfred Jahn von April 1939 bis März 1942 als Häftling des Zuchthauses Hameln.


Nach Ende seiner Haftzeit wurde er in Schutzhaft genommen und in das Schutzhaftlager Liebenau überstellt. Danach transportiert man ihn in das KZ Flossenbürg (Juni bis Oktober 1942), ehe er im Oktober 1942 weiter in das KZ Sachenhausen verlegt wurde.
Gesundheitlich war Alfred Jahn zu diesem Zeitpunkt nach Aussagen von Häftlingen bereits schwer von der langen Haft und der harten Arbeit im KZ Flossenbürg gezeichnet. Im Mai 1945 wurde er befreit.

Nach Kriegsende wurde Alfred Jahn in Hannover Mitglied des von ehemaligen KZ-Häftlingen im April 1945 gegründeten „Ausschusses ehemaliger


Konzentrations-Häftlinge Hannover“, kurz KZ-Ausschuss, der sich um Hilfeleistungen für die befreiten Häftlinge kümmert. 1948 saß er kurzzeitig als Vertreter der ehemaligen Verfolgten im Kreissonderhilfsausschuss für die Entscheidungen über die Entschädigung nationalsozialistischen Unrechts. 1947 wirkte er zudem als Vorsitzender des
Entnazifizierungshauptausschusses an der Entnazifizierung mit und war zugleich (bis 1951) Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes für Niedersachsen.

Alfred Jahn verstarb am 07.04.1974 in Hannover.

Bewertung

Die Person Alfred Jahn ist in Fachkreisen zur Zeit des Nationalsozialismus in Hannover grundsätzlich kein Unbekannter. Sein Name und sein Handeln finden in den Darstellungen zum hannoverschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus wiederholt Erwähnung, u.a. auch weil er in den 1960/70er Jahren noch als Zeitzeuge interviewt werden konnte.

Gegenüber den deutlich prominenteren Mitgliedern des hannoverschen Widerstands wie Franz Nause (Ehrengrab), Wilhelm Bluhm oder Werner Blumenberg aus der bereits gut erforschten und größten Widerstandsgruppe „Sozialistische Front“ fällt sein heutiger Bekanntheitsgrad aber deutlich zurück. Laienhaft gesprochen ist sein Wirken etwas in Vergessenheit geraten. Sein Name und seine Biografie fehlen beispielsweise in den einschlägigen Lexika zur hannoverschen Stadtgeschichte, was aber seinem aktiven Wirken für die Demokratie in der Stadt Hannover nicht gerecht wird.

Alfred Jahn hat sich ohne Zweifel vor, während und auch nach der Zeit des Nationalsozialismus mit hohem persönlichen Engagement und unter Einsatz von Leib und


Leben aktiv und in zentralen Positionen für die Verteidigung und Stärkung der Demokratie in Hannover eingesetzt. Alfred Jahn hat damit große Verdienste für die Stadt Hannover erworben und ein positives Beispiel für politisches und in Teilen auch bürgerschaftliches Engagement gesetzt.

Das Leben und Wirken von Alfred Jahn ist geeignetes Beispiel für die politische Bildungsarbeit und wird daher als relevante Biografie perspektivisch im ZeitZentrum Zivilcourage zu den Materialien der biografischen Bildungsarbeit hinzugefügt.

Die Verwaltung schlägt im Ergebnis vor, die Grabstätte von Alfred Jahn als Ehrengrab zu widmen. Die Kennzeichnung der Grabstätte mit einer Markierung und einem QR-Code, der auf weiterführende Informationen auf hannover.de verlinkt, ist in Vorbereitung. Die Pflege der Grabstätte auf Friedhofsdauer wird sichergestellt.

41.0 
Hannover / Sep 15, 2022