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die Grabstätte von Siegfried Wildt, geboren am 30.03.1909 in Hannover, gestorben am 18.04.2002 in Hannover, auf dem Stadtteilfriedhof Badenstedt als "Bedeutende Grabstätte" gemäß der am 16.07.2015 vom Rat beschlossenen Ehrengräbersatzung zu widmen.
Die Verwaltung verfolgt aktiv das Ziel, verstärkt Ehrengräber und Bedeutende Grabstätten für Frauen zu widmen. Dies kann jedoch nicht dazu führen, dass es keine weiteren Widmungen für Männer geben darf, insbesondere wenn dies beispielsweise andere Gruppenbenachteiligungen -wie in diesem Fall - auszugleichen hilft.
Die Widmung der Grabstätte als Bedeutende Grabstätte hat keine Auswirkungen auf das Klima.
„Ich kann mir ja kein Schild umhängen, auf dem ‚Ich bin Deutscher‘ steht.“ (Siegfried Wildt, 1999)
Der Schwarze Hannoveraner Siegfried Wildt, dessen Lebensgeschichte im ZeitZentrum Zivilcourage erzählt wird, steht für eine Gruppe Menschen, deren Geschichte in Hannover kaum bekannt ist.
Siegfried Wildt ist 1909 als Kind einer weißenHannoveranerin und eines Schwarzen Artisten aus der damaligen deutschen Kolonie Kamerun in der Altstadt von Hannover geboren worden. Er besuchte die Bürgerschule in der Haltenhoffstraße (heute: Grundschule Auf dem Loh), machte eine Ausbildung zum Bäcker, arbeitete danach als Chauffeur. Als er 1939 bei Kriegsbeginn arbeitslos wurde, befand sich Siegfried Wildt als Schwarzer im NS-Staat in einer prekären Lage.
Der Direktor des städtischen Fuhramts, Dr. Heinrich Krause, stellte Siegfried Wildt als Fahrer in der Straßenreinigung ein. In dieser Position konnte Siegfried Wildt die NS-Zeit in Hannover überstehen; andere Schwarze Hannoveraner*innen wurden zur Auflösung ihrer Ehen mit weißen Personen gezwungen, in Arbeitserziehungslager gesteckt, zwangssterilisiert oder in Konzentrationslager verschleppt.
Nach dem Krieg qualifizierte Siegfried Wildt sich als Technischer Fotograf und wurde Werkleiter; er arbeitete bis zur Pensionierung beim Fuhramt. Er war seit seinem 14. Lebensjahr Gewerkschaftsmitglied und bis an sein Lebensende in ÖTV und DGB aktiv. Ein Bekannter aus dem DGB erinnert sich, Siegfried Wildt „bei jeder [gewerkschaftlichen] Demonstration“ getroffen zu haben.
Siegfried Wildt erlebte sein Leben lang viele Formen von Rassismus: „Ich habe im Sandkasten gespielt, da kam eine Familie vorbei, und der Vater sagte zu seiner Frau und den Kindern: Seht mal da, den Bastard“ (Siegfried Wildt, 1999). Nach diesem Erlebnis lief er weinend in die Wohnung, aber seiner Mutter erzählte er nichts, denn er wollte sie nicht belasten. Später im Leben wehrte er sich mit einer eigenen starken Haltung, die mit bisweilen grimmigem Humor die großen Verletzungen zu verarbeiten versuchte.
Zu seiner ersten, ungeliebten Ausbildung als Bäcker sagte er als alter Mann: „Es stellte sich bald heraus, dass es ein Fehler von mir war. Denn ich war dunkelhäutig, und ich hatte Schwierigkeiten bei der Weißbrotherstellung“ (Siegfried Wildt, 1998).
Als Siegfried Wildt 1939 seine neue Stelle im Fuhramt antrat, spürte er die Skepsis der Kollegen: „Die fühlten sich ja als Herrenmenschen, zu denen ich als Mischling kam, und die haben mich angeguckt, als wenn ich nicht mit Messer und Gabel essen könnte oder N____tänze aufführen würden. … Als ich das erste Mal in den Duschraum kam, habe ich mich ausgezogen wie eine Diva. Da habe ich gemerkt, wie die anderen anerkennend geraunt und gemerkt haben: Mit dem ist nicht gut Kirschen essen“ (Siegfried Wildt, 1999). Während des Zweiten Weltkrieges diente er im Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD), der ab 1940 für den Einsatz nach Luftangriffen aufgebaut wurde. Er half, nach Luftangriffen Opfer zu bergen und Brände zu löschen. Irgendwann war er dann als Schwarzer unerwünscht: „Ich musste gehen, weil ich das Ansehen der Truppe schädigte, aber zwei Schwächere kamen an meine Stelle. Und beide sind noch abends bei einem Luftangriff umgekommen“ (Siegfried Wildt, 1999).
Siegfried Wildt starb 2002 kurz nach seinem 93. Geburtstag und wurde auf dem Stadtteilfriedhof Badenstedt beerdigt.
Angesichts der neuen Zielsetzung der Stadt Hannover, die Spuren des Kolonialismus in der Stadt aufzuarbeiten, schlägt die Verwaltung vor, die Grabstätte von Siegfried Wildt als Bedeutende Grabstätte zu widmen und diese somit als Zeugnis Schwarzen Lebens in Hannover für die Zukunft zu erhalten und für die Arbeit des ZeitZentrums Zivilcourage zu nutzen.
Damit wird die Grabstätte auf Friedhofsdauer in die städtische Pflege übernommen.