Drucksache Nr. 1817/2023:
Widmung der Grabstätte von Hugo Haase als Bedeutende Grabstätte

Inhalt der Drucksache:

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Landeshauptstadt HannoverBeschlussdrucksache-ZeichenBeschlussdrucksache
In den Kulturausschuss
In den Ausschuss für Umweltschutz, Klimaschutz und Grünflächen
In den Verwaltungsausschuss
In die Ratsversammlung
An den Stadtbezirksrat Südstadt-Bult (zur Kenntnis)
 
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1817/2023
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Widmung der Grabstätte von Hugo Haase als Bedeutende Grabstätte

Antrag,

die Grabstätte von Hugo Gottfried Martin Haase, geboren am 01.06.1857 in Winsen/Luhe, gestorben am 13.09.1933 in Hannover, auf dem Stadtfriedhof Engesohde als "Bedeutende Grabstätte" gemäß der am 16.7.2015 vom Rat beschlossenen Ehrengräbersatzung zu widmen.

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Derzeit ist der Anteil an weiblichen Ehrengräbern und Bedeutenden Grabstätten noch unterrepräsentiert. Dies kann jedoch nicht dazu führen, dass es keine weiteren Widmungen für Männer geben darf, insbesondere wenn dies beispielsweise andere Gruppenbenachteiligungen auszugleichen hilft. Die Verwaltung ist aktiv bestrebt, den Anteil der Ehrengräber und bedeutenden Grabstätten von Frauen zu erhöhen und nimmt entsprechende Vorschläge gerne entgegen.
Gemäß § 2 der Ehrengräbersatzung ist jede Person berechtigt, Vorschläge für Ehrengräber und bedeutende Grabstätten zu unterbreiten. Diese sind in schriftlicher Form und mit ausführlicher Begründung bei der Verwaltung einzureichen.

Ergebnis der Klimawirkungsprüfung

Die Widmung der Grabstätte hat keine Auswirkungen auf das Klima.

Kostentabelle

Darstellung der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen in Euro:
Teilergebnishaushalt 67 - Investitionstätigkeit
Produkt 55301
Bestattung und Grabpflege
Angaben pro Jahr
Ordentliche ErträgeOrdentliche Aufwendungen
   
   
Sonstige ordentliche Aufwendungen €300.00
   
Saldo ordentliches Ergebnis -€300.00
   
  

Begründung des Antrages

Mit der Drucksache Nr. 0450/2023 haben der Kulturausschuss und der Verwaltungsausschuss beschlossen, anlässlich seines 90. Todestages die Grabstätte von Hugo Haase zu einer Ehrengrabstätte zu widmen sowie eine Gedenktafel an seinem früheren Wohnsitz oder am Haus seiner ehemaligen Geschäftsräume anzubringen.

Widmung der Grabstätte:
Die Ehrengräbersatzung der Landeshauptstadt Hannover sieht vor, dass ausschließlich der Rat auf Vorschlag der Verwaltung über die Widmung eines Ehrengrabes entscheiden kann. Dementsprechend ist der vom Kulturausschuss und Verwaltungsausschuss beschlossene Antrag zur Einrichtung des Ehrengrabes für Hugo Haase als Vorschlag an die Verwaltung zu werten.
Die Verwaltung hat die Biographie, die Würdigung in der Öffentlichkeit sowie bereits bestehende Ehrungen von Hugo Haase überprüft und empfiehlt die Widmung seiner Grabstätte zu einer "Bedeutenden Grabstätte".

Biografische Daten:
Hugo Haase wuchs als Sohn eines Kapellmeisters in Winsen an der Luhe auf und absolvierte eine Schlosserlehre in Hamburg.

Nach Ableistung des Militärdienstes arbeitete er in Altona in Hamburger Maschinenfabriken (ab 1882 in leitender Position), die auch erste Dampf-Karussells herstellten. Hier soll Haase das erste transportable Dampf-Karussell entwickelt haben. Infolge der Bekanntschaft mit einem sächsischen Karussellbauer und der Heirat mit dessen Tochter verzog er 1887 nach Roßla (heute Gemeinde Südharz), in dessen weiterer Nachbarschaft sich zahlreiche Karussellbauer und technische Betriebe befanden. Haase machte sich als Karussellbauer selbständig und entwickelte 1890 eine der ersten deutschen Berg- und Talbahnen.

1892 revolutionierte er den Fahrgeschäftsbetrieb durch die Präsentation dieses Gerätes sowie eines Schiffskarussells mit elektrischem Antrieb auf dem Münchner Oktoberfest.

1895 entwickelte er eine „Stufenbahn“ mit drei unterschiedlichen Rotationsgeschwindigkeiten. Die Attraktivität dieser Fahrgeschäfte wurde in der Folgezeit durch aufwändige Dekorationen, ausladende Fassaden- und Umhüllungsbauten („Karussellpalast“, „Juwelenpalast“) sowie durch eine opulente elektrische Beleuchtung immer weiter gesteigert.

1909 übernahm Haase von einer Münchner Firma das amerikanische Patent für Achterbahnen und präsentierte ab 1910 die ersten transportablen Achterbahnen. Ebenfalls aus den USA importierte Haase den Autoscooter, den er erstmals 1926 in Düsseldorf präsentierte. Weitere Neuheiten waren der Wasserscooter, Wasserrutschen oder ein Zeppelin-Karussell.

Außer auf Schützen- und Vergnügungsfesten, wie dem Münchner Oktoberfest und dem Hamburger „Dom“, war Haase, spätestens seit 1911, auch in internationalen Vergnügungsparks wie Coney Island (USA), ferner in Paris, Kairo, Melbourne oder Kalkutta präsent. Allein auf dem „Dom“, auf dem die Firma Haase von der Jahrhundertwende bis 1964 durchgängig präsent war, betrieb er zeitweilig 23 Fahrgeschäfte zugleich, was ihm den Nebentitel „Dom-König“ bescherte.

Seit 1912 errichtete Haase auch selbst temporäre Vergnügungsparks, meist zu Anlässen wie Messen oder Ausstellungen, u.a. 1930 zur Weltausstellung in Antwerpen. Daneben bestand 1914-1922 in Hamburg-Stellingen und um 1923 in Hamburg-Altona ein stationärer ganzjähriger Haase-Vergnügungspark. Zu Hoch-Zeiten umfasste Haases Betrieb 30 Unternehmungen mit jeweils eigenem Geschäftsführer, zu denen vermutlich jeweils einzelne oder auch mehrere stationäre oder mobile Fahrgeschäfte gehörten.

Die Produktionsstätte der Firma Haase befand sich seit 1887 durchgängig in Roßla. Hier wurden insgesamt fast 200 Fahrgeschäfte erstellt. Um 1900 bestand auch ein Firmensitz in Leipzig.

Seit 1909 befand sich die Zentrale am Wohnsitz Haases in Hannover. 1911-1925 bestand, erstmalig im Schaustellergewerbe, eine Hugo Haase AG mit Geschäftssitz in Hannover. Nach Haases Tod wurde die Firma von der Witwe in Hannover weitergeführt und 1936 in eine Kommanditgesellschaft überführt. Nach Stilllegung der Produktion in Roßla 1949 konnten einige Fahrgeschäfte nach Westdeutschland verbracht werden, wo die Firma, jetzt mit Wartungszentrum in Bodenteich und Zentrale in Hannover, noch bis 1967 weiter betrieben wurde.

Hugo Haase ist im September 1933 gestorben. Nach Mitteilung des Bundesarchivs gibt es keine Hinweise darauf, dass Haase vor oder in 1933 Mitglied einer der zentralen NS-Organisationen (NSDAP, SS, SA) gewesen ist. Das Wirken Haases ist daher als unbedenklich zu bewerten.

Bisherige Würdigungen in der Fachöffentlichkeit:

Nach Einschätzung der Sozial- und Kulturwissenschaftlerin Darijana Hahn war Hugo Haase mindestens bis zum Ersten Weltkrieg durch seinen Geschäftssinn, seine technischen und gestalterischen Innovationen und die Größe seines Unternehmens „unangefochtener Karussellkönig“ in Deutschland (Hahn 77). Durch die 1892 von ihm in Deutschland eingeführte Elektrifizierung des Antriebs gab er der Entwicklung der Fahrgeschäfte einen Impuls, der sich erst ein halbes Jahrhundert später, durch die Einführung der Hydraulik in den 1950er Jahren wiederholte (Hahn 85). Darijana Hahn publizierte weiterhin 2007 in der Schriftenreihe des Freilichtmuseums am Kiekeberg über Haase (Hugo Haase – Karussellkönig aus Winsen, Ehesdorf 2007).

Der Wissenschaftler Dr. Florian Dering widmete Haase in seiner 1986 erschienen und auf seiner Dissertation (1981) aufbauenden Studie „Volksbelustigungen“ ein eigenes Kapitel und erwähnt ihn darüber hinaus vielfach (Volksbelustigungen. Eine bildreiche Kulturgeschichte von den Fahr-, Belustigungs- und Geschicklichkeitsgeschäften der Schausteller vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Nördlingen 1986; Dissertation 1981). Dr. Dering bezeichnet Hugo Haase mit Bezug auf das Schaustellergewerbe als „größten Unternehmer, den es auf diesem Gebiet je gegeben hat“ (Dering 165). Für ihn verkörperte er durch seinen Geschäftssinn und seine Fähigkeit, technische Neuerungen rasch aufzunehmen und weiter zu entwickeln, den „typischen Großunternehmer des ausgehenden 19. Jahrhunderts“ (Dering 176).

Darüber hinaus genießt Haase heute lediglich lokale Bekanntheit in Hannover, Winsen und Roßla. Es gibt Einträge für Haase im Stadtlexikon Hannover (Hannover 2009, S. 245), im Hannoverschen Biografischen Lexikon (Hannover 2002, S. 143) sowie in der Publikation „Hannover - Geschichten und Geschichte“ von Goetz Buchholz (Hannover 2000, S. 6). In der Hannoverschen Stadtgeschichte und der Stadtchronik Hannover von Mlynek/Röhrbein (Hannover 1992/94 bzw. 2002) ist er lt. Register dagegen nicht erwähnt.

Einträge fehlen ferner in allgemeinen Lexika und Biografien (ohne Betreff: Neue Dt. Biografie Bd. 7 v. 27/1966, Dt. Biogr. Enzyklopädie Bd. 4 v.12/2006, Brockhaus Enzyklopädie Bd. 11 v. 30/2006, Meyers Großes Universallexikon Bd. 6 v. 15/1992, Meyers Neues Lexikon Bd. 6 v. 18/1973).

Eine fast noch zeitgenössische, überregionale Erwähnung fand Haase in einem von ca. 200 Einträgen in der 1939 erschienenen Sammelbiografie „Große Männer Niedersachsens“ von Kurt Brüning (Hannover 1939, S. 91).


Ehrungen:
  • Ehrenbürgerschaft in Roßla 1927, Straßenbenennung ebenda.
  • Straßenbenennung in Winsen 1971


Bewertung und Entscheidungsvorschlag:

Die Grabstelle von Hugo Haase kann nach § 1 Abs. 1 der am 16.7.2015 vom Rat beschlossenen Ehrengräbersatzung nicht als „Ehrengrab“ eingestuft werden. Eine "Ehrengrabstätte" wird Persönlichkeiten zuerkannt, die sich um die Stadt Hannover besonders verdient gemacht haben. Der beiläufige Bekanntheitszuwachs, den die Stadt Hannover durch die Werbeanstrengungen der Firma Haase erfahren hat, ist hierfür nicht ausreichend. Haase erreicht daher nicht die hohen Anforderungen, die für die Ausweisung einer Ehrengrabstätte erforderlich sind.

Neben der Widmung als Ehrengrabstätte besteht auch noch die Möglichkeit Grabstätten von Personen als „bedeutende Grabstätten“ nach § 1 Abs. 4 der Satzung zu widmen, wenn ihre Erhaltung aus historischen Gründen geboten erscheint. Es geht hierbei ausdrücklich nicht um die Ehrung einer verstorbenen Person, sondern um die Einordnung der Biografie in die hannoversche Stadtgeschichte und Bewertung hinsichtlich der Relevanz für unterschiedliche kommunal relevante Betätigungsfelder, wie zum Beispiel historisch-politische Bildung, Stadtspaziergänge unterschiedlicher Programmansätze und Ähnlichem.

Hugo Haase war eine Unternehmerpersönlichkeit, die auf einem ungewöhnlichen und sogar randständigen, alltagsgeschichtlich gleichwohl bedeutsamen Geschäftsfeld sehr erfolgreich war und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtige Impulse zu dessen weiterer Entwicklung gegeben hat. Zugleich weist Haases Tätigkeit Bezüge zu der langen und lokal bedeutsamen hannoverschen Schützenfest -Tradition auf.

Die Verwaltung empfiehlt vor diesem Hintergrund die Widmung der Grabstätte von Hugo Haase als "Bedeutende Grabstätte" um dauerhaft einen Anknüpfungspunkt für Vermittlungsangebote und Erinnerungsarbeit im Kontext technischer und wirtschaftlicher Innovation und Unternehmer*innengeschichte in Hannover zu erhalten.

Mit der Widmung der Grabstätte als "Bedeutende Grabstätte" wird die Grabstätte auf Friedhofsdauer in die städtische Pflege übernommen.

Hinweis zur Gedenktafel:

Bezüglich der Gedenktafel prüft die Verwaltung, ob die Voraussetzungen für die Anbringung einer Stadttafel für Hugo Haase an einer der beiden vorgeschlagenen Adressen vorliegen.


Die Anbringung einer neuen Stadttafel erfordert die Entscheidung durch den entsprechenden Stadtbezirksrat. Die Widmung der Grabstätte hingegen bedarf eines Beschlusses durch den Rat. Daher wird der Antrag auf eine Gedenktafel losgelöst von dem Antrag auf eine Widmung der Grabstätte in die jeweils zuständigen Gremien eingebracht.
Sobald die Voraussetzungen für die Anbringung der Gedenktafel/Stadttafel vollumfänglich überprüft wurden, wird hierzu eine separate Beschlussdrucksache erstellt.
41.0 
Hannover / Sep 4, 2023