Drucksache Nr. 1816/2023:
Widmung der Grabstätte Berta Weiß als Ehrengrab

Inhalt der Drucksache:

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Landeshauptstadt HannoverBeschlussdrucksache-ZeichenBeschlussdrucksache
In den Kulturausschuss
In den Ausschuss für Umweltschutz, Klimaschutz und Grünflächen
In den Verwaltungsausschuss
In die Ratsversammlung
An den Stadtbezirksrat Herrenhausen Stöcken (zur Kenntnis)
 
Nr.
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1816/2023
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Widmung der Grabstätte Berta Weiß als Ehrengrab

Antrag,

die Grabstätte von Berta Weiß, geboren am 28.06.1923, gestorben am 29.04.2000, auf dem Stadtfriedhof Stöcken als "Ehrengrab" gemäß der am 16.7.2015 vom Rat beschlossenen Ehrengräbersatzung zu widmen.

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Mit der Widmung der Grabstätte von Berta Weiß wird der Anteil an gewidmeten Grabstätten von Frauen erhöht.

Gemäß § 2 der Ehrengräbersatzung ist jede Person berechtigt, Vorschläge für Ehrengräber und bedeutende Grabstätten zu unterbreiten. Diese sind in schriftlicher Form und mit ausführlicher Begründung bei der Verwaltung einzureichen. Derzeit ist der Anteil an weiblichen Ehrengräbern und Bedeutenden Grabstätten unterrepräsentiert. Vor diesem Hintergrund ist die Verwaltung bestrebt, den Anteil der Ehrengräber und bedeutenden Grabstätten von Frauen zu erhöhen und nimmt entsprechende Vorschläge gerne entgegen.

Ergebnis der Klimawirkungsprüfung

Die Widmung der Grabstätte als Ehrengrab hat keine Auswirkungen auf das Klima.

Kostentabelle

Darstellung der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen in Euro:
Teilergebnishaushalt 67 - Investitionstätigkeit
Produkt 55301
Bestattung und Grabpflege
Angaben pro Jahr
Ordentliche ErträgeOrdentliche Aufwendungen
   
   
Sonstige ordentliche Aufwendungen €300.00
   
Saldo ordentliches Ergebnis (€300.00)
   
  

Begründung des Antrages

Die Sintizza Berta Weiß, geborene Biboldo, wurde am 28.06.1923 in Willebadessen (Nordrhein-Westfalen) geboren und zog 1930 mit ihren Eltern und sieben Geschwistern nach Hannover. Aufgrund ihrer Herkunft und der nationalsozialistischen Verfolgung der Sinti und Roma hatten die Eltern Schwierigkeiten, Berta in einer hannoverschen Schule anzumelden. Schließlich konnte sie die katholische Bonifatiusschule besuchen, wo sie aber beständig Hänseleien und Diskriminierungen ausgesetzt war. Nach mehreren Schulwechseln musste Berta 1937 die Schule endgültig verlassen und erhielt fortan Nachhilfeunterricht bei einem Kaplan der St. Joseph-Kirche. Als der Wohnwagen der Familie 1937/38 beschlagnahmt wurde, musste die Familie in eine Wohnung ziehen.

Ihr Vater wurde 1939 zur Wehrmacht einberufen, ihr 16-jähriger Bruder kam wegen angeblicher Sabotage in das KZ Moringen. Aufgrund ihrer Herkunft wurde Berta von den Behörden „erbbiologisch” untersucht und „erfasst”. Ab 1940 war sie zur Zwangsarbeit verpflichtet u.a. bei der Accumulatorenfabrik in Stöcken (später Varta), einem Munitionslager in Dragahn und Bodenteich und der Firma Pelikan in Hannover. Im Oktober 1942 wurden Berta und ihre Familie gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen und in ein bereits Ende 1938 im Altwarmbüchener Moor eingerichtetes Sammellager der Stadt Hannover für Sinti und Roma zu ziehen. Dort musste die Familie in einem ehemaligen Viehwaggon der Eisenbahn wohnen, ohne Toilettenanlagen, Wasser und Elektrizität. Anfang 1943 verhaftete die Gestapo einige ihrer Geschwister und ließ sie zwangssterilisieren. Berta Weiß entging dieser Aktion und flüchtete zeitweise zu einer Tante nach Minden. Nach ihrer Rückkehr im Frühjahr 1943 versteckte sich Berta in einer Erdhütte, die für sie etwa 300 bis 400 m tiefer im Moor von ihrem Vater errichtet worden war, um den ständigen Kontrollen der Gestapo zu entgehen. In der primitiv ausgestalteten und stets feuchten Erdhütte ohne Ofen lebte Berta über ein Jahr. Im Juni 1944 wurde sie verhaftet und für vier Wochen im Ersatzgefängnis der Gestapo in der ehemaligen Gartenbauschule Ahlem inhaftiert. Den Deportationen aus dem Sammellager im Altwarmbüchener Moor entging Berta Weiß vermutlich, weil sie Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten musste. Nach der Befreiung zählte ihre Großfamilie rund dreißig, die Familie ihres späteren Ehemanns sogar etwa sechzig Ermordete.

Nach Kriegsende heiratete sie 1946 den Musiker Wilhelm Weiß, einen Sinto, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebt hatte. Für das chronische Lungenleiden, welches sich Berta Weiß durch den verfolgungsbedingten Aufenthalt in der Erdhütte zugezogen hatte, erhielt sie ab den 1950er Jahren eine kleine Rente als Entschädigung.

In den 1970er Jahren gehörte sie zu den Mitbegründer*innen des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti und war bis zuletzt ehrenamtlich sowohl im Vorstand als auch in der Beratungsstelle des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti tätig. Zeitlebens bemühte sie sich darum, die Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und die fortwährende Diskriminierung der Sinti und Roma anzuprangern. U.a. sprach sie als Zeitzeugin in Schulen und auf Gedenkveranstaltungen und initiierte und unterstützte die Errichtung zahlreicher Erinnerungsorte wie das Mahnmal für die Sinti und Roma im Altwarmbüchener Moor oder einen Gedenkstein für die Deportationen am früheren Bahnhof Fischerhof.

Für Ihre Verdienste wurde sie 1994 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens des Niedersächsischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.

Mit der Drucksache Nr. 1113/2010 N1 wurde nach der Sintizza Berta Weiß 2010 zudem ein Fußweg im Stadtteil Ahlem in der Nähe der Israelitischen Gartenbauanstalt benannt.

Berta Weiß starb am 29.04.2000 und wurde auf dem Stadtfriedhof Stöcken, Abt. 35, Nr. 1102 beigesetzt.

Die Verwaltung schlägt vor, die mutige Lebensgeschichte der von den Nationalsozialisten verfolgten Sintizza Berta Weiß sowie ihre besonderen Verdienste um die Stadt Hannover und ihr aufopferungsvolles Engagement für die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen an den Sinti und Roma mit der Widmung ihrer Grabstätte als Ehrengrabstätte zu ehren. Damit wird die Grabstätte auf Friedhofsdauer in städtische Pflege übernommen.

Der Niedersächsische Verband Deutscher Sinti e.V. ist über den Vorschlag informiert und unterstützt diesen nachdrücklich, um die Lebensgeschichte und das Engagement von Berta Weiß auf diese Art gewürdigt zu sehen.

41.0  Zentrale Angelegenheiten Kultur
Hannover / Sep 4, 2023