Drucksache Nr. 1790/2019 F1:
Antwort der Verwaltung auf die
Anfrage der SPD-Fraktion zur niedrigschwelligen Integrationsbegleitung durch das Integrationsmanagement
in der Ratssitzung am 29.08.2019, TOP 3.2.1.

Inhalt der Drucksache:

Bitte beachten Sie, dass der folgende Text eventuell medienbedingte Formatabweichungen aufweisen kann. Eine formatgetreue Abbildung des Inhalts finden Sie in der Anlage "Druckversion.pdf".
Landeshauptstadt Hannover
An die Ratsversammlung (zur Kenntnis)
 
Nr.
Anzahl der Anlagen
Zu TOP
Antwort
1790/2019 F1
0
 

Antwort der Verwaltung auf die
Anfrage der SPD-Fraktion zur niedrigschwelligen Integrationsbegleitung durch das Integrationsmanagement
in der Ratssitzung am 29.08.2019, TOP 3.2.1.

Der Prozess des Ankommens geflüchteter Menschen kann wesentlich erleichtert werden, wenn dieser möglichst frühzeitig, d.h. noch in der Flüchtlingsunterkunft intensiver gefördert und gestaltet wird. Die Erfahrungen aus den zurückliegenden Jahren zeigen, dass der Wille zur Integration bei den Geflüchteten von Anfang an sehr ausgeprägt ist, es aber an Raum und Möglichkeiten fehlt, um über Herausforderungen und Chancen im neuen gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren.

Im Integrationsmanagement wird jetzt über ein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördertes Projekt zur Unterstützung des Integrationsprozesses versucht, mit den Betroffenen eigene Vorstellungen von ihrer privaten und beruflichen Zukunft zu entwickeln und so die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund fragen wir die Verwaltung:

1. Welche Zielgruppen werden durch das vom BAMF geförderte Projekt angesprochen und ab welchem Alter können geflüchtete Menschen an dem Projekt teilnehmen?

2. Welcher sozialpädagogische Ansatz wird verfolgt und welche Methoden und Projekte werden als geeignet identifiziert, um das Ziel der Teilhabe an der Gesellschaft zu erreichen?

3. Über welchen Förderzeitraum und mit welchem Mitteleinsatz wird das Maßnahmenpaket umgesetzt und wie wird das Förderziel auch im Hinblick auf dessen Nachhaltigkeit überprüft.

Christine Kastning

Fraktionsvorsitzende

Text der Antwort

Der Prozess des Ankommens geflüchteter Menschen kann wesentlich erleichtert werden, wenn dieser möglichst frühzeitig, d.h. noch in der Flüchtlingsunterkunft intensiver gefördert und gestaltet wird. Die Erfahrungen aus den zurückliegenden Jahren zeigen, dass der Wille zur Integration bei den Geflüchteten von Anfang an sehr ausgeprägt ist, es aber an Raum und Möglichkeiten fehlt, um über Herausforderungen und Chancen im neuen gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren.
Im Integrationsmanagement wird jetzt über ein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördertes Projekt zur Unterstützung des Integrationsprozesses versucht, mit den Betroffenen eigene Vorstellungen von ihrer privaten und beruflichen Zukunft zu entwickeln und so die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Frage 1: Welche Zielgruppen werden durch das vom BAMF geförderte Projekt angesprochen und ab welchem Alter können geflüchtete Menschen an dem Projekt teilnehmen?

Durch das Projekt werden drei Zielgruppen angesprochen:

Geflüchtete Frauen
Zielgruppe der Erzähl-Cafés sind geflüchtete Frauen, die in Gemeinschaftsunterkünften der LHH oder in eigenem Wohnraum in den Stadtteilen leben. Eine Gruppe setzt sich zusammen aus besonders schutzbedürftigen Frauen aus dem Nordirak. Die Frauen wurden im Rahmen eines Sonderkontingents durch die Stadt Hannover aufgenommen und werden durch zwei Mitarbeiterinnen des Integrationsmanagements betreut.
Im Vorlauf der Projektbeantragung wurde zwischen November 2016 bis Juni 2017 eine Bedarfsermittlung in einigen Gemeinschaftsunterkünften gemacht: Die Frauen kamen zu dem Zeitpunkt aus dem Irak (40%), Afghanistan (40 %), Ghana (13%) und Marokko (7%). 80% der Frauen waren zwischen 26 -35 Jahre alt. Die Mehrzahl der Frauen (61%) wurden im Alter von 16- 18 Jahren verheiratet. 2/3 der Frauen hatten fünf und mehr Kinder und 60% hatten keine Schule besucht. Alle teilnehmenden Frauen sind in den letzten 3-5 Jahren nach Hannover zugewandert.

Mädchengruppen:
Zielgruppe der Mädchengruppen sind Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren aus den Flüchtlingsunterkünften. Sie sind mit ihren Familien in den letzten 3-5 Jahren nach Hannover gekommen. Sie sind schulpflichtig und besuchen Regelschulen.

Männliche Bewohner:
Zielgruppen der Schulungen „Interkulturelle Kompetenzen für Geflüchtete“ sind meist männliche Bewohner aus den Unterkünften unabhängig vom Aufenthaltsstatus, Alter und Geschlecht. Es wird darauf geachtet, dass die Herkunft der Teilnehmenden divers ist. Die Teilnehmer sind ebenfalls in den letzten 3-5 Jahren nach Hannover gekommen und sollen möglichst schnell nach ihrer Ankunft an den Schulungen teilnehmen.


Frage 2: Welcher sozialpädagogische Ansatz wird verfolgt und welche Methoden und Projekte werden als geeignet identifiziert, um das Ziel der Teilhabe an der Gesellschaft zu erreichen?

Das gute Zusammenspiel verschiedener Ansätze und Methoden ermöglicht zum einen zielgruppenorientiert wie auch situativ agieren zu können. Gerade für bildungsferne und/oder traumatisierte Teilnehmer*innen haben sich diese die Selbstwirksamkeit fördernden und partizipativen Methoden als erfolgreich herausgestellt. Die Hochschule Hannover, Fakultät V mit Herrn Professor Romppel, unterstützt und begleitet das Projekt in der Weiterentwicklung der Ansätze und Methoden.

Sozialpädagogische Ansätze
Die Einzelmaßnahmen des geförderten Projektes verfolgen ressourcenorientierte und kultursensible Ansätze. Die Vielfalt der Lebensformen und Lebensentwürfe, die unterschiedlichen kulturellen und biographischen Hintergründe der Teilnehmer*innen, Teamer*innen und Ko-Dozent*innen stellen wichtige Ressourcen dar, die respektiert und Wert geschätzt werden. Die mitgebrachten sozialen und professionellen Ressourcen werden nicht in ihren Defiziten gesehen, sondern stellen die Basis für die Gruppenarbeit dar und werden gestärkt.
Die Gruppenarbeit ermöglicht den Teilnehmer*innen, ihre sozialen Rollen zu reflektieren und neue Lebensformen kennen zu lernen und - je nach Intensität des Angebotes - zu erproben. Konfliktfähigkeit wird eingeübt, denn das neue Rollenverhalten stößt häufig auf Widerstand im direkten Umfeld. Selbstwirksamkeit und erweiterte Spielräume zu erleben und zu nutzen, ist ein wesentliches Ziel der Bestärkungsarbeit.
Das sensible Ausbalancieren zwischen professioneller Sozialarbeit und Empowerment ist ein weiterer pädagogischer Ansatz, um Teilhabe zu ermöglichen. Die Gruppen leben durch Selbstorganisation, Selbstmanagement und Eigeninitiative der Teilnehmer*innen. Die Sozialpädagog*innen stellen die organisatorische Infrastruktur, die professionellen Methoden und einen möglichen Themenspeicher.

Methoden
Methodisch lebt das Gruppengeschehen durch gemeinsame Aktivitäten, durch thematisch vorbereitete Reflektionsräume und Beziehungsarbeit.

Die Erzählcafes stellen Frauenräume dar, in denen die Teilnehmerinnen lernen eigene Bedürfnisse und Eigenschaften gelten zu lassen - ohne die sonst allgegenwärtige Bewertung durch männliche Blicke. Frauenräume können geschlechterstereotype Rollenzuschreibungen auflösen und damit die Selbstwahrnehmung der Frau als Handelnde fördern. Das Erzählen ist die einfachste Form das eigene Fühlen und Denken auszudrücken und anderen Mitzuteilen.

In den Mädchengruppen werden individuelle Entwicklung und Teilhabe unterstützt, die Teilnehmenden werden in der Wahrnehmung ihrer Rechte bestärkt und das Sozialverhalten in der Gruppe gefördert. Der geschlechtshomogene Raum bietet auch hier einen geschützten Rahmen. In der Gruppengestaltung wird der Fokus auf die Beteiligung aller Mädchen sowie der Orientierung an deren jeweiligen Ressourcen und Interessen gelegt. In den Treffen kommen verschiedene Methoden aus den Bereichen Erlebnis- und Musikpädagogik, kreative Gestaltung, Bewegung und Kommunikation zum Einsatz.

Die modulare Schulung „Interkulturelle Kompetenzen für Geflüchtete“ umfasst vorgegebenen Themenfeldern (Herkunft und Ankommen, Demokratie, Grundrechte, Geschlechterrollen, Sozialsystem) und professionelle Begleitung durch Sozialpädagog*innen des Integrationsmanagements gemeinsam mit muttersprachlichen Kodozent*innen. Jede Schulung umfasst 10-12 Module.


Frage 3: Über welchen Förderzeitraum und mit welchem Mitteleinsatz wird das Maßnahmenpaket umgesetzt und wie wird das Förderziel auch im Hinblick auf dessen Nachhaltigkeit überprüft.

Der Förderzeitraum ist von Oktober 2018 bis Ende September 2021. Die geplanten Kosten belaufen sich auf insgesamt 135.711,00 Euro, wovon 122.139,00 Euro durch das BMI/BAMF gefördert werden. Die Eigenmittel betragen 13.572,00 Euro, die durch den personellen Einsatz gedeckt werden. Teamerinnen in den Erzählcafes und Mädchengruppen sowie Ko-Dozent*innen in den Schulungen werden regelmäßig fortgebildet, sie werden fachlich begleitet und gecoacht. Teamerinnen und Ko-Dozent*innen erfahren in ihrer neuen Rolle Wertschätzung in der Familie und im weiteren sozialen Umfeld. Sie werden nach der dreijährigen Projektphase in der Lage sein, Aktivitäten zu steuern und Gruppenangebote fortzusetzen.
Die Teilnehmerinnen der Erzählcafes entwickeln im letzten Drittel der Maßnahme in Zukunftswerkstätten eigene Perspektiven, die durch das Integrationsmanagement und die Teamerinnen in der Startphase noch begleitet werden können.

Abschließend verweise ich gerne auf die Informationsdrucksache 1304/2019 des Fachbereichs Soziales „Niedrigschwellige Integrationsbegleitung durchgeführt vom Integrationsmanagement und gefördert durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“.