Drucksache Nr. 1113/2010 N1:
Wegebenennungen im Stadtteil Ahlem
Antrag gem. § 55c Abs. 5 NGO des Stadtbezirksrates Ahlem-Badenstedt-Davenstedt

Informationen:

Beratungsverlauf:

Nachrichtlich:

  • Stadtbezirksrat Ahlem-Badenstedt-Davenstedt

Inhalt der Drucksache:

Bitte beachten Sie, dass der folgende Text eventuell medienbedingte Formatabweichungen aufweisen kann. Eine formatgetreue Abbildung des Inhalts finden Sie in der Anlage "Druckversion.pdf".
Landeshauptstadt HannoverBeschlussdrucksacheBeschlussdrucksache
An den Stadtbezirksrat Ahlem-Badenstedt-Davenstedt (zur Kenntnis)
In den Stadtentwicklungs- und Bauausschuss
In den Verwaltungsausschuss
In die Ratsversammlung
 
Nr.
Anzahl der Anlagen
Zu TOP
1. Neufassung
1113/2010 N1
3
 

Wegebenennungen im Stadtteil Ahlem
Antrag gem. § 55c Abs. 5 NGO des Stadtbezirksrates Ahlem-Badenstedt-Davenstedt

Antrag,

der Anregung des Stadtbezirksrates Ahlem-Badenstedt-Davenstedt, DS Nr. 15-130/2010 N1 (siehe Anlage 1) sowie seinem Änderungsantrag DS Nr. 15-1617/2010 (siehe Anlage 2) zu folgen und die Straßenbenennungen für das Baugebiet "Westlich Gartenbauschule Ahlem", Bebauungsplan Nr. 1734, wie folgt zu beschließen:

1. Die westliche, von der Heisterbergallee nach Norden zur Tegtmeyerallee hin abzweigende Haupterschließungsstraße erhält den Namen
An der Gartenbauschule.

2. Der erste Wohnweg, welcher von der Straße "An der Gartenbauschule" abzweigt, erhält den Namen
An der Laubhütte.

3. Der zweite Wohnweg, welcher von der Straße "An der Gartenbauschule" abzweigt,erhält den Namen
Anna-Turgonska-Anger.

4. Der dritte Wohnweg, welcher von der Straße "An der Gartenbauschule" abzweigt,erhält den Namen
Henriette-Gottschalk-Anger.

5. Der vierte Wohnweg, welcher von der Straße "An der Gartenbauschule" abzweigt,erhält den Namen
Berta-Makowski-Anger.





6. Die Grünverbindung, welche von der Straße "An der Laubhütte" in nordöstliche Richtung verläuft, erhält den Namen Berta-Weiß-Weg.

Übersichtskarte siehe Anlage 3.

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Benennungen von Straßen, Wegen und Plätzen dienen der Ordnungsfunktion und sicheren Auffindbarkeit, insbesondere in Notsituationen. Mit einer eigenständigen Namensgebung für jede Erschließungsstraße des Wohngebietes wird die Orientierung verbessert, was allen Bürgerinnen und Bürgern dient. Namensgeber sind vorwiegend Frauen, was dem Ratsbeschluss vom 09.12.1999 entspricht, vorrangig weibliche Persönlichkeiten zu berücksichtigen.

Kostentabelle

Darstellung der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen:
Investitionenin €bei HMK
(Deckungsring)/
Wipl-Position
Verwaltungs-
haushalt;
auchInvestitions-
folgekosten
in € p.a.bei HMK
(Deckungsring)/
Wipl-Position
EinnahmenEinnahmen
Finanzierungsanteile von DrittenBetriebseinnahmen
sonstige EinnahmenFinanzeinnahmen von Dritten
Einnahmen insgesamt€0.00 Einnahmen insgesamt€0.00 
AusgabenAusgaben
ErwerbsaufwandPersonalausgaben€2,175.00
Hoch-, Tiefbau bzw. SanierungSachausgaben€625.00
EinrichtungsaufwandZuwendungen
Investitionszuschuss an DritteKalkulatorische Kosten
Ausgaben insgesamt€0.00 Ausgaben insgesamt€2,800.00 
Finanzierungssaldo€0.00 Überschuss / Zuschuss(€2,800.00) 
Die Kosten für Straßenbenennungen sind als Durchschnittswerte zu betrachten.

Begründung des Antrages

Der Stadtbezirksrat Ahlem-Badenstedt-Davenstedt hat in seiner Sitzung vom 28.01.2010 beschlossen, die Verwaltung zur Erarbeitung von Benennungsvorschlägen für das geplante Wohngebiet auf dem Gelände der Justus-von-Liebig-Schule aufzufordern und bei der Namensgebung einen Bezug zur ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule herzustellen. Ergänzt wurde dieser Antrag in der Stadtbezirksratssitzung vom 19.08.2010 durch den einstimmig beschlossenen Änderungsantrag DS Nr. 15-1617/2010, die Grünwegverbindung des Neubaugebiets nach Berta Weiß zu benennen.

Diese Vorschläge des Stadtbezirksrates werden seitens der Verwaltung unterstützt. Eigenständige Benennungen der Erschließungsstraßen des Neubaugebiets sind zur eindeutigen Auffindbarkeit der künftigen Anwohnerinnen und Anwohner erforderlich, um insbesondere in Notsituationen Verzögerungen zu vermeiden. Die Auswahl der Straßennamen steht in engem Zusammenhang mit der Historie des Geländes.

zu 1.
An der Gartenbauschule: Das Baugebiet entsteht auf der Fläche der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule, gegründet 1893 von Alexander Moritz Simon. Im Vordergrund stand die Schulung jüdischer Schülerinnen und Schüler aller sozialer Schichten im Gartenbau und in der Landwirtschaft. Ziel war es, durch die Ausbildung in Berufen, von denen Juden Jahrhunderte ausgeschlossen waren, eine größere Emanzipation zu erreichen und so dem in Deutschland zunehmenden Antisemitismus zu begegnen. Die Fähigkeiten der Ahlemer Absolventen war gerade im damaligen Palästina von ungeheurer Wichtigkeit, denn diese Schülerinnen und Schüler waren die Ersten mit qualifizierten Kenntnissen in Landwirtschaft und Gartenbau. Daher gingen auch viele Auswanderungswellen (Alijah) von Ahlem aus nach Palästina, um dort aus Wüste fruchtbares Land zu schaffen. So ist noch heute die Bezeichnung "Die Ahlemer" im Zusammenhang mit Gartenbau und Gartengestaltung ein gängiger Begriff in Israel.

zu 2.
An der Laubhütte: Die Gartenbauschule war ein streng rituell geführtes Internat. Zur Begehung des Laubhüttenfestes (Sukkot) im Rahmen des Erntedanks wurde eine feste Laubhütte auf dem Gelände errichtet. Die Nationalsozialisten nutzten die Hütte als Hinrichtungsstätte für die Inhaftierten des Ersatzgefängnisses und brannten sie 1945 nieder.

zu 3.
Anna-Turgonska-Anger: Anna Turgonska wurde am 10.02.1926 in Percha geboren. Sie war im Polizei-Ersatzgefängnis inhaftiert, das 1943 im ehemaligen Direktorenhaus auf dem Gelände der Gartenbauschule eingerichtet worden war. Frau Turgonska war die erste Zwangsarbeiterin, die nachweislich in Ahlem von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Sie starb am 02.03.1945 um 08:50 Uhr im Alter von 19 Jahren.

zu 4.
Henriette-Gottschalk-Anger: Henriette Gottschalk wurde als Kind der angesehenen Familie Rothschild am 05.10.1849 in Köln geboren. Sie heiratete später Louis Gottschalk, Besitzer einer Privatbank in der heutigen Rathenaustraße/An der Börse, der 1914 verstarb. Frau Gottschalk blieb in Hannover. 1941 zwang man die damals 90 Jährige zum Umzug in ein sogenanntes Judenhaus, die Sammellager für Jüdinnen und Juden als Vorstufe und zur Organisation der anschließenden Deportation. Vom Judenhaus in der Brabeckstraße 86 über das in der Ellernstraße 16 wurde sie schließlich nach Ahlem verbracht und von dort am 23.06.1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Hier starb sie am 20.10.1942. Ein Stolperstein vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Heinrichstraße 25 erinnert bereits an Henriette Gottschalk.

zu 5.
Berta-Makowski-Anger: Am 02.04.1910 wurde Berta Heinemann in Hamburg geboren. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zieht die jüdische Familie nach Hannover. Bereits als Kind im Alter von etwa 12 Jahren wird sie durch ihren Vater und Bruder für Politik interessiert. Ab Mitte der 20er Jahre nimmt sie aktiv am politisch-sozialen Leben teil, indem sie eigenständig praktische Kleinarbeit leistet. In einem jüdischen Kindergarten absolviert sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Mit 19 Jahren heiratet sie am 3.11.1929 Valentin Makowski. Aufgrund der politischen Situation reist sie mit ihrer Familie 1934 nach Paris aus. Ihr Ehemann bleibt in Deutschland und bewegt sie 1936 zur Rückkehr. Frau Makowski muss in der KZ Außenstelle Ahlem arbeten, ist jedoch nicht im Judenhaus interniert und kann weiter bei ihrem Mann leben. Durch einen glücklichen Umstand wird sie später entlassen. Am 01.02.1945 ist sie zur Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt vorgesehen, kann sich dem jedoch dank der Unterstützung verschiedener Verbündeter entziehen und überlebt den Nationalsozialismus. Am 17.11.1988 verstirbt Berta Makowski in Hannover.

zu 6.
Berta-Weiß-Weg: Am 28.06.1923 wurde die Sintizza Berta Biboldo in Willebadessen geboren und zog 1933 mit ihrer Familie nach Hannover. Nach Einschulungen in mehreren hannoverschen Schulen wurde Frau Biboldo an der Schule am Lindener Markt aufgenommen, bis ihr auch dort 1937 wegen ihrer Herkunft das weitere Lernen versagt wurde. Zu dieser Zeit folgte die Familie der Aufforderung, eine Wohnung zu beziehen, woraufhin die bis dato genutzten Wohnwagen sowie sämtliches Eigentum beschlagnahmt worden waren. 1940 zog man Berta Biboldo zur Zwangsarbeit zunächst für die Firma Varta heran, der noch viele weitere Betriebe als Verpflichtungsstätten folgten. Zwei Jahre später wurden fast alle hannoverschen Sinti in einer "Nacht- und Nebelaktion" in das Sammellager im Altwarmbüchener Moor gebracht, wo sie in Viehwaggons ohne Toilettenanlagen, Wasser und Elektrizität leben mussten. Diese Zeit war geprägt von ständigen Razzien und Abtransporten in die Konzentrationslager, die das Leben der Lagerinsassen bestimmten. Frau Biboldo selbst wurde kurzzeitig im Ersatzgefängnis in Ahlem inhaftiert. Vermutlich überstand sie dies nur, weil sie Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten musste. Nach der Befreiung 1945 heiratete sie Wilhelm Weiß, ein Sinto, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebte. Frau Weiß ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti und hat dazu beigetragen, dass es 1987 zum Prozess gegen einen Verantwortlichen für den Massenmord an den Sinti und Roma kam. Nicht nur die Zeugen dieses jahrelangen Prozesses wurden von ihr einfühlsam betreut, auch viele andere Betroffene fanden bei ihr Unterstützung bei der Geltendmachung ihrer Rechte oder Hilfestellung bei vielfältigen anderen Problemen. Zudem sah es Frau Weiß als ihre Aufgabe an, über den Völkermord an den Sinti aufzuklären. Neben einer Vielzahl von Vorträgen an Schulen hat sie auch bis zu ihrem Tod am 29.04.2000 über Jahrzehnte in der Gedenkstätte Ahlem referiert und Führungen gegeben. Berta Weiß galt als Respekts- und Vertrauensperson, die sich nicht nur durch sachliche und fachliche Kompetenz, sondern auch durch große Sensibilität und menschliche Wärme auszeichnete. Für Ihre Verdienste wurde sie am 22.12.1994 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens des Niedersächsischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.
Quelle: Verein für Geschichte und Leben der Sinti und Roma in Niedersachsen e.V.
61.21 
Hannover / Oct 25, 2010