Antrag Nr. 0617/2024:
Antrag der CDU-Fraktion: Lokale Strategie gegen Einsamkeit in Hannover

Informationen:

Beratungsverlauf:

Antragsteller(in):

CDU-Fraktion

Inhalt der Drucksache:

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Antrag der CDU-Fraktion: Lokale Strategie gegen Einsamkeit in Hannover

Antrag,

zu beschließen:

Die Verwaltung wird beauftragt, bis spätestens 31.12.2024 eine bereichsübergreifende und stadtteilbezogene

Lokale Strategie gegen Einsamkeit in Hannover

zu erarbeiten und dem Rat die Ergebnisse in Form einer ausführlichen Informationsdrucksache (sowie ggf. weiterer Beschlussdrucksachen) zu zuleiten.

Dabei sind folgende Dinge zu berücksichtigen:

  1. Die lokale Strategie wird im Kontext der bundesweiten „Strategie gegen Einsamkeit“ und in Anwendung des dazugehörigen „Kompetenznetzwerkes gegen Einsamkeit“ erarbeitet.
  2. Die lokale Strategie soll in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen aus der aktuellen Einsamkeitsforschung sowohl einen Schwerpunkt bei der Prävention von Einsamkeit im Alter legen, als auch junge Menschen und weitere Gruppen von Betroffenen einschließen.
  3. Im Rahmen der lokalen Strategie sollen möglichst detaillierte Maßnahmen und Projekte – der Stadt wie auch externer Träger – benannt werden, die geeignet sind, Einsamkeit in Hannover entgegenzuwirken. Dabei können sowohl stadtteilbezogene als auch stadtweite Lösungen zum Tragen kommen. Die Vernetzung aller Angebote ist ebenfalls anzustreben.
  4. Um sich von allen konkreten Angeboten in Hannover ein Bild machen zu können, gibt die LHH eine wissenschaftliche Untersuchung (z.B. Masterarbeit) – unabhängig von dem oben genannten Termin - in Auftrag, die alle Angebote auflistet, auch die Initiativen, die oft in unauffälligen Konstellationen mit mangelnder Sichtbarkeit realisiert werden. Bezüglich der jungen Menschen werden gesonderte Gespräche durchgeführt.
  5. Mit besonderer Beachtung soll das Vorhandensein und die Wirkung (Bedarfsdeckung und Effektivität) der Angebote und Institutionen der gesundheitlichen Versorgung, die bei Einsamkeit eine Rolle spielen, insbesondere auch die der psychotherapeutischen und seelsorgerischen Hilfen im Rahmen der lokalen Strategie analysiert und bewertet werden.
  6. Die lokale Strategie für Hannover wird in enger Kooperation mit den in der Stadt bereits vorhanden Initiativen sowie allen relevanten Einrichtungen gegen Einsamkeit aufgestellt. Die Möglichkeiten und Hilfen der Kirchen und Glaubensgemeinschaften zur Bekämpfung der Einsamkeit sowie der städtische Seniorenbeirat sollen einbezogen werden.
  7. Ein möglichst breiter Einbezug weiterer Interessierter (wie z.B. Stadtteilzentren, Vereine, Anbieter von Freizeitaktivitäten und /oder Kulturangeboten) bei der Erstellung der lokalen Strategie sollte u.a. durch die Durchführung verschiedener Fachtagungen, Workshops o.ä. mit öffentlicher Beteiligung gesichert werden.
  8. Es ist ein niedrigschwelliges Informations- und Beratungsangebot zur Verhinderung von Einsamkeit zur Sichtbarmachung des Angebots aufzubauen – bevorzugt auf digitaler Basis.
  9. Die LHH wird ein Netz ehrenamtlicher Digitalbotschafterinnen und -botschafter organisieren, die älteren Menschen die Internetnutzung gegen eine geringe Gebühr erleichtern.
  10. Im Rahmen der Erstellung der lokalen Strategie wird die Stadtverwaltung darstellen, welche organisatorischen und personellen Maßnahmen für eine optimale Umsetzung erforderlich sind.
  11. Die LHH stärkt im Rahmen ihrer Wohnungsbaupolitik ihre Aktivitäten, um deutlich mehr Angebote für Ältere und Mehrgenerationswohnformen zu schaffen
  12. Für die Förderung von Beratungs- und Hilfsangeboten zur Bekämpfung und Prävention von Einsamkeit soll bei Aufstellung des Haushaltsplanes 2025/26 ein gesonderter Haushaltstitel i. H. von 100.000 € p.a. vorgesehen werden. Die jeweilige

Förderung kann dann durch gesonderte Drucksachen (Ratsbeschlüsse) erfolgen.

Begründung


Einsamkeit, allein und/oder mit weniger sozialen Kontakten leben zu müssen, als man es selbst für wichtig hält, entwickelt sich zunehmend zum Strukturproblem moderner Gesellschaften und gerät zunehmend ins Problembewusstsein der Öffentlichkeit. 25 % der Erwachsenen in Deutschland fühlen sich nach den Ergebnissen des „Deutschland Barometers Depression 2023“ sehr einsam. Mangelnde Beziehungen und Austausche ziehen gehäuft individuelle Probleme und Krankheiten wie z.B. Depressionen, Drogen- ,Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, Herz- und Kreislauferkrankungen sowie suizidale Neigungen, aber auch vertiefte gesellschaftliche Probleme wie Anfälligkeit für extreme Haltungen, Populismus und Verschwörungsideologien nach sich.

In Wissenschaft und Verbänden häufen sich daher Erkenntnisse und Forderungen nach politischen und gesellschaftlichen Antworten auf diese Herausforderungen. Hierbei sind alle Ebenen gefordert. Gerade auf der kommunalen Ebene gilt es, konkrete, lebensnahe Initiativen zu finden und umzusetzen.

Im Herbst 2023 hat auf Bundesebene das zuständige Fachministerium eine bundesweite Strategie gegen Einsamkeit aufgestellt, die mit einem Kompetenznetzwerk zum Austausch von Erfahrungen und Konzepten, allerdings nicht mit zusätzlichen finanziellen Mitteln, ausgestattet ist. Das Land Nordrhein-Westfalen z.B. hat eine Enquete-Kommission „Bekämpfung sozialer Isolation in Nordrhein-Westfalen“ eingesetzt und setzt Handlungsempfehlungen, auch auf der kommunalen Ebene um.

In der Strategie der Bundesregierung wird die „Gründung von sektoren- und bereichsübergreifenden lokalen ‚Allianzen zur Vorbeugung und Linderung von Einsamkeit‘ empfohlen. Bekannt ist seit längerem, dass Großstädte von Vereinzelungsproblemen besonders stark betroffen sind. In Hannover hat sich seit vielen Jahren die Zahl der Haushalte, in denen nur eine Person lebt, weiter erhöht; z. Zt. liegt sie schon bei über 55 %. Auch wenn manche Weichenstellungen wie die Gründung des Fachbereiches Senioren oder die Förderung einiger nachbarschaftlicher Unterstützungssysteme in die geeignete Richtung gehen, fehlt auch in Hannover bisher eine konzeptionelle, nachhaltige und mit ausreichenden Ressourcen versehene Strategie gegen die wachsenden Gefährdungen durch Einsamkeit. Hierzu zählten insbesondere auch eine Situations- und Defizitanalyse, die wirksame Unterstützung und der Ausbau entsprechender Initiativen aus der Stadtgesellschaft, die Überprüfung der Schwerpunkte des Verwaltungshandelns, eine koordinierte Vernetzung sowie eine verbesserte Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit.

Ein Ausbau der gezielten und verbesserten Prävention von Einsamkeit in der Landeshauptstadt Hannover, die hiervon aufgrund ihrer Sozialstruktur in besonderer Weise herausgefordert ist, wird nicht ohne den Einsatz weiterer Haushaltsmittel zu erreichen sein. Insbesondere die ganz besonders wertvollen freiwilligen Initiativen, beispielsweise durch den Seniorenbeirat, durch Künstlerinnen und Künstler, durch Besuchsdienste und andere ehrenamtliche Hilfeleistungen, sollen verstetigt und erweitert werden, worüber dann im Einzelfall konkret zu entscheiden ist.

Felix Semper

Fraktionsvorsitzender