Drucksache Nr. 0486/2020:
Widmung der Grabstätte von Arthur Menge als bedeutende Grabstätte

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0486/2020 (Originalvorlage)

Beratungsverlauf:

Inhalt der Drucksache:

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Landeshauptstadt HannoverBeschlussdrucksacheBeschlussdrucksache
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In die Ratsversammlung
 
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0486/2020
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Widmung der Grabstätte von Arthur Menge als bedeutende Grabstätte

Antrag,

zu beschließen,

die Grabstätte von Arthur Menge, geboren am 02.04.1884, gestorben am 16.05.1965, auf dem Stadtfriedhof Engesohde, Abteilung 1 Nummer 71a, als bedeutende Grabstätte gemäß der am 16.7.2015 vom Rat beschlossenen Ehrengräbersatzung zu widmen.

Berücksichtigung von Gender-Aspekten

Die Verwaltung strebt an, künftig den Frauenanteil an Ehrungen dieser Art zu erhöhen.

Kostentabelle

Darstellung der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen in Euro:
Teilfinanzhaushalt  - Investitionstätigkeit
EinzahlungenAuszahlungen
Zuwendungen für Investitionstätigkeit €0.00
Beiträge u.ä. Entgelte für Investitionstätigkeit €0.00
Veräußerung von Sachvermögen €0.00
Veräußerung von Finanzvermögensanlagen €0.00
Sonstige Investitionstätigkeit €0.00
  
  
  
Erwerb von Grundstücken und Gebäuden €0.00
Baumaßnahmen €0.00
Erwerb von bewegl. Sachvermögen €0.00
Erwerb von Finanzvermögensanlagen €0.00
Zuwendungen für Investitionstätigkeit €0.00
Sonstige Investitionstätigkeit €0.00
  
Saldo Investitionstätigkeit €0.00
€0.00

Teilergebnishaushalt 67 - Investitionstätigkeit
Produkt 55301
Bestattung und Grabpflege
Angaben pro Jahr
Ordentliche ErträgeOrdentliche Aufwendungen
Zuwendungen und allg. Umlagen €0.00
Sonstige Transfererträge €0.00
Öffentlichrechtl. Entgelte €0.00
Privatrechtl. Entgelte €0.00
Kostenerstattungen €0.00
Auflösung Sonderposten (anteilige Zuwendungen) €0.00
Sonstige ordentl. Erträge €0.00
  
Außerordentliche Erträge €0.00
  
Erträge aus internen Leistungsbeziehungen €0.00
Personalaufwendungen €0.00
Sach- und Dienstleistungen €300.00
Abschreibungen €0.00
Zinsen o.ä. (TH 99) €0.00
Transferaufwendungen €0.00
Sonstige ordentliche Aufwendungen €0.00
  
Saldo ordentliches Ergebnis (€300.00)
Außerordentliche Aufwendungen €0.00
Saldo außerordentliches Ergebnis €0.00
Aufwendungen aus internen Leistungsbeziehungen €0.00
Saldo aus internen Leistungsbeziehungen €0.00
Saldo gesamt (€300.00)
Ab Übernahme entstehen der Stadt jährliche Pflege- und Unterhaltungskosten in Höhe von 300 Euro.

Begründung des Antrags:


Der Beschlussvorlage liegt ein Antrag der Großnichte Arthur Menges zur Übernahme der Grabstätte in dauerhafte städtische Pflege zugrunde.

Arthur Menge ist am 02.04.1884 in Hannover geboren und starb am 16.05.1965 in Bellinzona (Schweiz). Begraben wurde er auf dem Stadtteilfriedhof Engesohde in Hannover.

Am 31.03.1925 wurde der Jurist Arthur Menge zum Oberbürgermeister von Hannover gewählt und am 15.8.1925 in das Amt eingeführt.

In Menges Amtszeit fielen u.a. die Bewältigung der hannoverschen Typhus-Epidemie mit fast 300 Toten (1926), der Ankauf des Klosterguts Marienwerder, die Gründung der späteren GBH (jetzt Hanova) und der Baubeginn der Gartenstadt Kleefeld als deren erstes Bauprojekt (1927), die Eingemeindung von Herrenhausen und mehrerer umliegender Güter (1928), der Abschluss eines Gasfernlieferungsvertrags mit der Ruhrgas AG (1928), der Beschluss zur Anlage des Wasserwerks Berkhof (1928), der Neubau der Stadtbibliothek sowie die Reprivatisierung des Zoos (1931), die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 auch auf lokaler Ebene einschließlich Abschaffung und Neubesetzung zahlreicher Senatoren- und Verwaltungsstellen sowie die Veränderung der Gemeindeverfassung (1934/35), die Anlage des Maschsees (1934-1936) und des Hermann-Löns-Parks (1936-1939) sowie der Erwerb und die Restaurierung der Herrenhäuser Gärten durch die Stadt (1936/37).

Seine Amtszeit endete turnusmäßig nach zwölf Jahren am 15.08.1937. Die NS-Machthaber wollten ein Parteimitglied für seine Nachfolge.


Nach 1937 übte er eine Tätigkeit als Direktor der Kapital Versicherungsanstalt aus. Ende 1945 war er kurzzeitig Vorsitzender der DHP-Nachfolgepartei Niedersächsische Landespartei NLP.

Nach einer gescheiterten Bundestagskandidatur für die nationalkonservative Deutsche Partei DP zog sich Arthur Menge 1953 aus dem politischen Leben zurück. Beruflich blieb er hingegen aktiv und gehörte, wie z.T. bereits seit den 1920er Jahren, weiterhin den Vorständen, Aufsichts- und Beiräten mehrerer namhafter hannoverscher Unternehmen an, darunter VSM, Pelikan, Bahlsen, Kaiser-Brauerei und der Nds. Verfrachtungsgesellschaft. Er war ferner Vorstandsmitglied der Fritz-Behrens-Stiftung.


Arthur Menge wurde nach 1945 mehrfach öffentlich geehrt:

1964 durch die Errichtung des „Arthur-Menge-Brunnens“ am heutigen Vierthalerweg durch die Fritz-Behrens-Stiftung sowie 1966 durch die offizielle Straßenbenennung „Arthur-Menge-Weg“ (Südstadt), welche 1977 wieder aufgehoben wurde zugunsten der Benennung des prominent gelegenen Maschsee-Nordufers als „Arthur-Menge-Ufer“. Menge war Ehrenmitglied der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Universität Königsberg.


Die Bewertung Menges als historische Person ist jedoch zentral abhängig von seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus.

Politisch war Arthur Menge überzeugter "Hannoveraner". Seit 1919 saß er im Bürgervorsteherkollegium (BVK) als Vertreter der monarchistisch-separatistischen Deutsch-Hannoverschen Partei (DHP), die in ihrer Programmatik eine "christlich-konservative Rechtspartei" (Parteienhandbuch (1983), Bd. 2, S. 1027) war. Der Wähleranteil dieser Partei sank zwischen 1918/ 1919 und 1932 dramatisch, die Partei zeigte im Laufe der Weimarer Republik zunehmend Auflösungserscheinungen. Im April 1933 schlossen sich die DHP-Abgeordneten im hannoverschen Parlament (Provinziallandtag) der NSDAP an. Im Kommunalparlament gab es seinerzeit eine verbindende politische Gegnerschaft aller bürgerlich-konservativen Kräfte gegen die Sozialdemokratie.

Arthur Menge war nicht Mitglied der NSDAP, aber in der Unterorganisation SS. Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten blieb er im Amt. Arthur Menge galt als "brillanter Administrator" und "politisches Ziehkind" des konservativen Stadtdirektors Heinrich Tramm. Für eine gemeinsame Politik vor und nach dem 30. Januar 1933 arbeitete Menge jahrelang mit nationalsozialistischen Funktionären zusammen.

Zu Beginn des Jahres 1943 ist Arthur Menge von Carl Friedrich Goerdeler für den Widerstand gegen Hitlers Kriegsführung gewonnen worden. Er gehörte damit zum erweiterten Widerstandskreis des „20. Juli“. Kurz nach dem gescheiterten Attentat am 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und bis Ende 1945 im Zuchthaus Brandenburg festgesetzt.

Aus Sicht der Verwaltung ist Arthur Menges Verhältnis zum Nationalsozialismus mit der Widmung seines Grabes zur Ehrengrabstätte unvereinbar. Menge steht mit seiner Amtsführung für die Entrechtung und Ausgrenzung z.B. der jüdischen Mitarbeitendenden der Stadtverwaltung, die wenige Jahre später ermordet wurden. Hannover hat zudem Grabstätten von Opfern des NS-Regimes zum Ehrengrab gewidmet. Eine Widmung zum Ehrengrab wird daher nicht empfohlen.

Gleichwohl sollte nicht vergessen werden, dass Arthur Menge gegen Ende des Krieges, als das Vertrauen in die Kriegsführung gesunken war, den mutigen Schritt hin zu Widerstandkreisen getan hat.

Zudem hat Arthur Menge die Stadt Hannover über zwölf Jahre in einem politisch, wirtschaftlich und sozial sehr schwierigen Umfeld geleitet. Mit der Anlage des Lönsparkes und des Maschsees sowie der Kommunalisierung der Herrenhäuser Gärten hat sein Wirken dauerhafte Spuren im Stadtbild hinterlassen.


Die Verwaltung schlägt vor, die widersprüchlichen Seiten in der Lebensleistung von Arthur Menge durch die Widmung seines Grabes als „bedeutende Grabstätte“ zu würdigen. Damit wird die Grabstätte auf Friedhofsdauer in städtische Pflege übernommen.

41.0 
Hannover / Feb 20, 2020