Bitte beachten Sie, dass der folgende Text eventuell medienbedingte Formatabweichungen aufweisen kann. Eine formatgetreue Abbildung des Inhalts finden Sie in der Anlage "Druckversion.pdf".
Antwort der Verwaltung auf die
Anfrage der Fraktion DIE LINKE. zum Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren
in der Ratssitzung am 30.01.2014, TOP 5.2.
Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich- Ungarn nach einem Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger dem Königreich Serbien den Krieg. Damit jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs mit Millionen von Toten in diesem Jahr zum 100. Mal. In den vorn Krieg betroffenen Nachbarländern Deutschlands wird dieses Jahrestags mit großen öffentlichen Veranstaltungen gedacht.
Wir fragen deshalb die Verwaltung:
1. Welchen Stellenwert genießt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bei der Erinnerungskultur in Hannover?
2. Welche Veranstaltungen plant die Stadt in diesem Zusammenhang?
3. Inwieweit werden dabei die von er damaligen deutschen Kriegsführung betroffenen Partnerstädte Hannovers in die Planungen einbezogen?
Oliver Förste
Fraktionsvorsitzender
Text der Antwort
Frage 1: Welchen Stellenwert genießt der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in der Erinnerungskultur in Hannover?
In der Wahrnehmung der Stadtgesellschaft wie in der deutschen Bevölkerung überhaupt steht der Erste Weltkrieg zweifellos im Schatten des Zweiten Weltkriegs: Sowohl in der Erinnerung zahlreicher Menschen als auch wegen der sichtbaren Folgen (Zerstörung, Wiederaufbau, Denk- und Mahnmale) und nicht zuletzt aufgrund einer intensiven Vermittlungsarbeit steht die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg im Vordergrund der zeitgeschichtlichen Debatte. Indessen erinnert eine Reihe von Kriegerdenkmalen und Erinnerungstafeln in den Stadtteilen, auf Friedhöfen, in Schulen und Kirchen an den Ersten Weltkrieg; die Tafeln nennen allerdings zumeist nur die Namen der gefallenen Soldaten aus Hannover.
Frage 2: Welche Veranstaltungen plant die Stadt in diesem Zusammenhang?
Das Historische Museum zeigt vom 16. Juli 2014 bis 11. Januar 2015 am Standort Holzmarkt die Sonderausstellung „Heimatfront Hannover. Kriegsalltag 1914-1918“. In dieser großen Ausstellung geht es nicht um das Kampfgeschehen auf den Schlachtfeldern, sondern um die Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft in den Städten Hannover und Linden. Insbesondere die Lebens- und Leidenserfahrungen der Stadtgesellschaft unter den Bedingungen einer auf den Weltkrieg ausgerichteten Wirtschaft, des Mangels und hoher psychologischer Belastungen werden auf 400 qm Ausstellungsfläche ausführlich thematisiert.
Grundlage sind neben der Objektüberlieferung des Museums (zahlreiche Leihgaben von Bürgerinnen und Bürgern bereichern die Sammlung) jüngere Forschungen zum Thema sowie Lebensberichte von Bewohnerinnen und Bewohnern der beiden Städte. Ferner wird die zweifelhafte Rolle „prominenter“ Hannoveraner problematisiert und auch die Verantwortung des eigenen Hauses („Vaterländisches Museum“ mit „Weltkriegssammlung“) thematisiert. Zur Ausstellung erscheint eine Begleitpublikation („Katalog“) und die Edition eines zeitgenössischen Briefwechsels.
Neben dieser zentralen Ausstellung finden begleitend zahlreiche Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen in Kooperation mit unterschiedlichen Partnern der Stadtgesellschaft statt, in der die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die Menschen in Hannover und für die folgenden Ereignisse (1918er Revolution, Weimarer Republik, Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg) herausgestellt wird.
Das Projekt Erinnerungskultur plant eine Vortragsreihe mit dem Arbeitstitel „Krieg und Widerstand“, in welcher der 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs (Erster Weltkrieg) im Zusammenhang mit dem 75. Jahrestag des Kriegsausbruchs (Zweiter Weltkrieg) betrachtet wird. Außerdem ist beabsichtigt, die in Vorbereitung befindliche Informationstafel auf dem ehemaligen Militärfriedhof Fössefeld/Linden-Limmer zu installieren, die den Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie den Opfern der NS-Wehrmachtsjustiz (sog. „Fahnenflüchtige“, „Wehrkraftzersetzer“, „Kriegsverräter“) gewidmet sein wird.
Frage 3: Inwieweit werden dabei die von der ehemaligen deutschen Kriegführung betroffenen Partnerstädte Hannovers in die Planungen einbezogen?
Hinsichtlich der historischen Bewertung und Einordnung des Ersten Weltkrieges ergeben sich deutliche Differenzen. So wird die Perspektive auf den „Großen Krieg“ in Frankreich und Großbritannien stark vom Sieg über das kaiserliche Deutschland bestimmt und spielt in der nationalen Wahrnehmung eine andere Rolle als in Deutschland.
Um die unterschiedlichen Sichtweisen zur Basis eines fruchtbaren Diskurses zu machen, ist beabsichtigt, Vertreter unserer Partnerstädte nach Hannover zu mehreren Diskussions- bzw. Gedenkveranstaltungen einzuladen.